Tausche Tempel gegen Dämonen: Um die Höhepunkte des Ushi-oni Sommerfestes zu erleben, reise ich mit der Bahn zurück nach Uwajima, das ich auf dem Pilgerweg bereits 14 Tage vorher passiert habe. Bühne und Festkomitee befinden sich in der überdachten, 600 Meter langen Einkaufsstraße. Offenbar muss jeder größere Ort in Japan eine solche Straße besitzen und so wie in anderen Orten, versprüht auch diese eher den Charm der 60er bis 80er Jahre und hat Leerstand. Aber heute ist ein Festtag. Er beginnt mit der Kinder-Ushi-oni-Parade und, zum Jubiläum, dem Sendai Suzume Odori, dem Spatzentanz einer Gruppe aus der Partnerstadt im Norden Japans. Alles wirkt noch sehr lokal.
Ushi-oni, Stier- bzw. Ochsendämonen aus der japanischen Mythologie, sind die Stars am Nachmittag. In der Parade werden sie durch die Stadt getragen. Mit ihren beweglichen langen Hälsen schauen sie in die Häuser und führen (Schein-) Angriffe insbesondere gegen das Festkomitee durch.
Tanzwettbewerb ist der Uwajima Odori Taikai. Während ich bereits auf dem Weg zum Schrein bin, kommen mir die Gruppen in der Kisaiya Road entgegen. Und tanzen synchron den Nagashi Odori Prozessionstanz.
Das spirituelle Fundament des Festes liegt im Shintoismus. Die Götter des Warei-Schrein, der mich bereits vor zwei Wochen beeindruckt hat, sollen besänftigt und milde gestimmt werden. Dazu nehmen die Gottheiten des Schreins vorübergehend in Mikoshi, goldenen tragbaren Schreinen, Platz und werden durch die Stadt getragen. Nach Flötenspielern und Trommlern marschieren Lampionträger an der Spitze der Prozession. Ein großer roter Ushi-oni folgt vor den drei Schreinen. Die Geistlichen des Schreins gehen am Ende in traditionellen Gewändern. Weitläufig zieht die Prozession durch die Stadt. Immer wieder werden die schweren Schreine vor einzelnen Häusern in die Höhe gestemmt. In einem ersten Höhepunkt umkreisen die Schreine vor dem Marunouchi-Schrein eine hohe Bambusstange. Dem zweiten Teilnehmer gelingt es an der Stange hoch zu klettern. Die Spitze der Stange biegt sich dabei bedrohlich. Die kleineren Mikoshi Schreine werden auf das Gelände des Marunouchi-Schrein gebracht. Die Geistlichen beider Schreine führen eine Shinto-Zeremonie durch. Die Prozessionsteilnehmer hingegen stärken sich mit Bier und Riceballs. Der eigentliche Höhepunkt wird erst noch folgen: Bei Dunkelheit erreicht die Prozession nach einem langen Weg endlich den Hafen. Mit Fackelschein und Trommeln wird jeder Schrein auf ein eigenes geschmücktes Boot geladen. Die Boote fahren mit den Prozessionsteilnehmern hinaus aufs Meer. Kehren aber zurück: An der Mündung des Suka-Fluss verlässt die Prozession die Boote und bewegt sich nun flussaufwärts im hüfttiefen Fluss zu Fuß zurück zum Warei-Schrein. Vor dem Schrein steht eine weitere, höhere Bambusstange im Fluss: Verbindung zum Himmel, die von einem Teilnehmer erklommen wird. Tatsächlich erreicht er die Shinto-typischen Papierstreifen im Wipfel der Stange. Nachdem sich die Zuschauer etwas zerstreut haben, gehe ich nochmal zum großen Schrein. Die kleinen wurden inzwischen hinein gebracht. Das Schrein Gebäude ist nun dunkel, aber offen. Von außen kann ich erahnen, wie die, nun in weiße Gewänder gekleideten, Geistlichen in einer besonderen Zeremonie die Gottheiten aus den Mikoshis heraus, zurück zu ihren angestammten Wohnsitzen tief hinten im Schrein bringen.



































































