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Neueste Beiträge:
- Tage 48 bis 50 in Indien: Chandigarh

Als ich im Februar 2024 den Film „Kraft der Utopie – Leben mit Le Corbusier in Chandigarh“ im Kino gesehen habe, wusste ich noch nicht, ob ich die Stadt je erreichen kann. Nun hat eine achtstündige Bahnfahrt, durch Delhi und in den Norden, genügt. Nach der Teilung Indiens und des Punjab im Jahr 1947 sollte für den indischen Bundesstaat Punjab am Fuß des Himalaya eine neue Hauptstadt entstehen. Auf besonderen Wunsch des Ministerpräsidenten wurden Planung und Architektur dem modernen schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier übertragen, der damit sein Lebenswerk vollendete. Chandigarh, kein Pilgerziel für Gläubige sondern für Architekten. Auch wenn der Beton inzwischen bröckelt.
Neben der Stadtplanung war Le Corbusier als Architekt für das Regierungsviertel The Capitol Complex verantwortlich. Heute ist es UNESCO-Weltkulturerbestätte. Seine Utopie, dass sich das Volk in den weiten Flächen und auf dem künstlichen Hügel Geometric Hill zwischen den Regierungsgebäuden tummelt, während die Regierenden in den Gebäuden das ihrige tun, hat sich so nicht erfüllt: Nur auf Anmeldung und nach einer Sicherheitsüberprüfung ist das abgeriegelte Areal in einer kleinen Gruppe zugänglich.
„Chandigarh – The City Beautiful“: Tatsächlich ist die erste Planstadt Indiens anders, als jeder Ort den ich bisher in Indien gesehen habe. Sie ist in Sektoren geplant, die zum Wohnen mit den Grunderfordernissen dienen oder spezielle Zwecke haben. In den Sektoren leben die Menschen in Wohnungen und nicht in Ruinen oder auf der Straße. Es gibt genug Platz für alle. Zwischen den Sektoren verlaufen vier- oder sechsspurige Straßen mit Rad- und Gehwegen (alles mit Grünstreifen voneinander getrennt), die sich in großflächigen Kreisverkehren treffen. Es gibt offene Plätze und große Grünflächen. Kinder betteln nicht sondern planschen in Springbrunnen.
Die Sikhs sind im sonst eher säkularen Stadtbild präsent. Zum Gedenktag für ihren 10. Guru Gobind Singh wird eine Prozession veranstaltet. Einer der mitgeht erklärt mir, dass der Umzug wichtig für sie ist, weil sie keinen großen Tempel in der Stadt haben. Im Gegensatz zum strengen modernen Chandigarh von Le Corbusier steht der verspielte Rock Garden von Nek Chand aus den 1960er Jahren. Ursprünglich heimlich aus Bauschutt und Restmaterialien des Städtebaus gebaut, ist er heute Ausflugsziel vor allem für Familien. The Rose Garden soll der größte seiner Art in Asien sein und ist offen für alle. Ein schönes Naherholungsgebiet ist der Suknah Lake am Rand der Stadt, vor den ersten Ausläufern des Himalaya.
- Tage 45 und 46 in Indien: Mathura

Mathura, nur eine 45-minütige TukTuk Fahrt von Vrindavan entfernt, ist ebenfalls Stadt Krishnas: Bevor die Gottheit, nach der Mythologie, Kindheit, Jugend und insbesondere die Liaison mit seiner ewigen Gefährtin Rada in Vrindavan verbracht hat, wurde er in Mathura geboren. Bekanntlich in einer Gefängniszelle. Deshalb ist der Kern des großen Krishna Janmasthan Temple Complex wie eine kleine Festung/Gefängnis gestaltet. Ein enger, verwinkelter Gang führt zur „Zelle“ die den eigentlichen Ort der Geburt entsprechen soll. Daneben gibt es einen großen Haupttempel aus dem 20. Jhd. und mehrere kleinere im Komplex. Gegen ein kleines Eintrittsgeld können, einer Volksfestattraktion nicht unähnlich, wieder farbenfrohe Darstellungen aus dem Leben Krishnas bewundert werden. Aber auch das (Miss-) Verhältnis zwischen den Religionen ist erkennbar: Die höchste Außenmauer und Stacheldraht trennen den Tempel von der benachbarten großen Moschee. Das ganze Gelände wird geradezu militärisch gesichert. Handys und andere elektronische Geräte dürfen in den Komplex erst gar nicht hineingebracht werden, die Kontrollen sind streng.
Den zweiten Tag in Mathura verbringe ich in meinem Zimmer: Ein Verdauungsinfekt gehört vielleicht auch zu jeder Indienreise. Dass es mich noch so massiv erwischen wird, hätte ich nach über zwei Monaten nicht mehr gedacht. Der Infekt ist nach zwei Tagen ausgestanden. Die Zahnschäden nach dem Sturz wegen Dehydrierung werden mir bleiben.
- Tage 43 und 44 in Indien: Vrindavan

5000 Häuser, 5000 Tempel: Das Städtchen Vrindavan: Wohl der wichtigste Krishna-Ort Indiens. Lord Krishna, achter Avatar von Gott Vishnu und u.a. Verkörperung der Liebe. Nach der Mythologie (bzw. der Bhagavatapurana) verbrachte er seine Kindheit und Jugend in Vrindavan. Hier spielte er als göttlicher Hirtenjunge, neckte und versteckte die Kleider der badenden Hirtenmädchen (Gopis) und verzauberte sie und insbesondere seine ewige Geliebte Rada, nachts in den Wäldern mit seinen Tänzen und Flötenspielen.
Ich habe ein schönes Zimmer im Sri Krishna Bhakti Ashram. WiFi-Passwort: harekrishna. Beim Empfang wird mir ungefragt eine Liste mit den wichtigsten Krishna-Tempeln ausgehändigt. Zwei Tage ziehe ich durch die Gassen der Innenstadt. Ich suche die Tempel die für mich spannend sind. In andere lasse ich mich einfach spontan durch das Chanten der Mantras, Arati oder die Stille hineinziehen. Vor manchen Tempeln warten so viele Menschen, dass der Rückstau mehrere Gassen blockiert. Eine ganze Stadt im Taumel der Krishna-Verehrung. Bzw. Bhakti: Der liebenden Hingabe an die Gottheit.
Wie Mathura und Agra, liegt Vrindavan am heiligen Fluß Yamuna, zu deren exakter Mündung in den Ganges ich vor sieben Wochen in Prayagraj mit dem Boot gebracht wurde (ohne das Boot dort verlassen zu haben). Die Ghats liegen in der prallen Sonne aber Bootsfahrten sind auch hier beliebt. Und natürlich ein Untertauchen im heiligen Fluß, hier wo auch Rada und Krishna gebadet haben.
Wenn Dir ein Affe im Sprung von hinten Deine coole Reise-Basecap vom Kopf reißt hast Du keine Chance. Nach und nach erkenne ich die Gesetze von Vrindavan: Benutze keine Handtasche oder Tüte, ein Affe würde sie Dir definitiv mit Gewalt rauben. Trage keine Basecap, ein Affe würde sie Dir vom Kopf reißen. Tage keine (Sonnen-) Brille, ein Affe würde sie Dir vom Gesicht ziehen. Wenn Du Dein Handy in die Hand nimmst, sei konzentriert und halte es verdeckt mit zwei Händen, ein Affe… Und der Gruß lautet nicht Namasde sondern Hare Krishna!
Wider Erwarten kann ich mir die Basecap mit einer langen Bambusstange zurückholen. Die Bissspuren sind vertretbar. Die Reste der optischen Sonnenbrille holen mir zwei waghalsige Jugendliche zurück, die, es sei ihnen vergönnt, ein einträgliches Geschäftsmodell daraus gemacht haben. Brauchbar ist die Brille aber nicht mehr.
Schon fast skurril erscheinen die Shri Nidhivan und Seva Kunj Tempel: Keine Tempel im eigentlichen Sinn sondern kleine Wäldchen in der Innenstadt. Nidhivan verkörpert den heiligen Hain in dem Krishna sich mit den Hirtenmädchen vergnügt haben soll. Seva Kunj den Wald, in dem er seine Nächte tanzend mit Rada verbracht hat. Bzw. verbringt: Nachts wird alles abgeriegelt, Zutritt streng unterbunden. Dann kehren Krishna, Rada und die Gopis zurück. Durch die kleinen Wäldchen führen, zu einzelnen Schreinen, verwinkelte Wege in, offenbar auch wegen der Affen, dicht vergitterten Röhren. Herein wachsende Stämme oder Zweige werden verehrt.
Als ich am Abend den historischen Radha Raman Tempel erreiche, wird das Haupttor gerade geschlossen. Die Menschen davor murren. Ich folge einer Gruppe die hingegen singend um das Gebäude herum geht und kann mit ihnen durch einen Nebeneingang in den Tempelinnenhof schlüpfen. Wie alle, sitze ich mit Mantras wartend auf dem Boden, weiß aber nicht worauf ich warte. Darshan: Die Skulptur der Gottheiten, Rada und Krishna, werden lebend gedacht. Sie sind (wie jetzt) hinter Vorhängen verborgen um ihre Privatsphäre zu haben oder versorgt zu werden. Nur zu bestimmten Zeiten werden die Vorhänge geöffnet. Dann entsteht Darshan, ein kurzer intensiver Moment mit Blickkontakt und Nähe. Als es soweit ist, springen die Menschen begeistert auf und drängen nach vorne. Und werden dann von den Nachströmenden zu den Seitentüren wieder hinausgedrückt. Dieser Rhythmus begegnet mir in weiteren Tempeln in Vrindavan und Mathura.
Nicht nur (relativ) alte Tempel gibt es in Vrindavan, sondern insbesondere zwei besonders verehrt und viel besuchte neue:
Der gigantische weiße (bzw. knallig farbenfroh beleuchtete) Prem Mandir wurde von 2001 bis 2012 als „Tempel der göttlichen Liebe“ von einer Organisation (JKP) gebaut, die sich sozial karitativ engagiert und insbesondere das Bhakti-Bewußtsein fördern will. Am Abend strömen die Massen zu den Licht- und Wasserspielen und den Darstellungen der Gottheiten auf zwei Ebenen im Tempel. Die Vorhänge mögen geöffnet werden!
Der ISKCON Tempel ist einer der Hauptsitze der 1966 in New York gegründeten International Society for Krishna Consciousness. Bei uns eher als Hare-Krishna-Bewegung bekannt. Anderes als beim Prem Mandir gibt es hier weniger Show, sondern gelebte Verehrung und Hingabe. Im Haupttempel wird das Hare-Krishna-Mantra seit den 1990er Jahren ununterbrochen rund um die Uhr gechantet. Mir genügt eine knappe Stunde. Dabei komme ich mit einem älteren Amerikaner ins Gespräch, der als Taktgeber fungiert. Seit 30 Jahren, sagt er, lebt er in Vrindavan und praktisch im Tempel. Das Mantra wurde sein Leben. Er lacht fröhlich dabei. Ich ziehe trotzdem weiter.









































































































































