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- Tage 75 bis 77 in Indien: Gaumukh und Tapovan

Gaumukh: Die Quelle des Heiligen Fluss Ganges (Bhagirathi) im Nordwesten des Himalaya auf knapp 4.100 Höhenmeter. Tatsächlich ist es keine Quelle sondern das Tor (Gaumukh: Kuhmaul) des Gangotri-Gletschers, aus dem das Wasser sichtbar austritt. Meines Erachtens der heiligste Ort im Hinduismus. Seit ich vor vier Jahren begonnen habe über die Ziele dieser Reise nachzudenken, stand Gaumukh auf der Wunschliste immer ganz oben. Und gleichzeitig blieb immer offen, ob ich es, abhängig vom Winterende, organisatorisch und physisch dort hin schaffen kann. Ab Gangotri wird es realistisch: Das Ziel liegt im Gangotri National Park. Für den Aufstieg benötige ich eine Erlaubnis. Und für die Erlaubnis den Nachweis einer internationalen Krankenversicherung, ein Gesundheitszertifikat (kurze Untersuchung), sowie einen zertifizierten Guide. Im ersten Gespräch eröffnet mir der Guide, Anuj, die Option über Gaumukh hinaus nach Tapovan auf knapp 4.500 HMR aufzusteigen. Ein alter Ort der Askese, direkt am 2.000 Meter höheren Shivling, dem Berg Shivas. Dann dauert der Treck, statt zwei bis drei, drei bis vier Tage. Ich denke etwas darüber nach. Aber wie oft werde ich eine solche Möglichkeit noch haben?
Vom Start ab folgt der Weg hoch oben der Schlucht des Flusses und bietet wunderbare Blicke auf die 5.000 bis 6.000 Meter hohen Gipfel zu beiden Seiten. Kontinuierlich geht es nach oben: Am ersten Tag von 3.050 (Gangotri) auf 3.800 Meter. Nur wenige Menschen sind auf dem Weg, es ist sonnig und ruhig. Zwei kurze Bereiche müssen wegen höherer Steinschlaggefahr zügig durchquert werden. Gegen Mittag öffnet sich der Blick auf den 6.000 m hohen Berg Nandi. Wie der Stier und Begleiter vor dem Tempeln Shivas, steht er auch hier vor dem Shivling, den wir morgen erreichen wollen. Das „Blue Sheep“, das nur in den hohen Regionen Indiens, Tibets und der Mongolei vorkommt, zeigt sich überraschend nahe. Da es hier am Berg Shivas lebt, wird es als Tier Shivas verehrt und hat vom Mensch nichts zu befürchten. Erster Etappenort (bzw. einziger Ort am Treck) ist die kleine Ansiedlung Bhojwasa. Übernachtet wird in den niedrigen Steinhütten des Shri Ram Baba Yogashram. Es schneit und ist eiskalt. Entgegen den Gepflogenheiten darf ich mich in die Küchenhütte, die ich als einzig wärmeren Platz ausmache, auf den Boden setzen und sehe zu wie drei Männer, ebenfalls auf dem Boden, mit einfachsten Mitteln das Abendessen zubereiten. Und unzählige Naan Brote backen. Gegessen wird mit allen ebenfalls in der Küche, auf dem Boden, ohne Besteck. Dass ich bei Dal mit Reis kapituliere, löst wieder einmal Erheiterung aus. Ob ich wirklich nicht gelernt habe ohne Besteck nur mit der rechten Hand zu essen?
Am Morgen lässt die intensive Sonne die Kälte vergessen. Zunächst muss mit einer, mit Muskelkraft betriebenen, Lastenseilbahn der Fluss überquert werden. Die höher gelegene Eisbrücke ist vor einigen Jahren eingestürzt. Nahe dem Fluss folgt der Weg weiter durch die einzigartige Landschaft, die der geschaffen hat, nach oben. Am Abzweig nach Gaumukh erklärt Anuj dass es besser ist dort morgen, im Abstieg, hin zu gehen. Ich bin etwas enttäuscht aber er wird wissen warum. Kurz darauf sehe ich die Gletscherzunge von oben und wähne mich so doch am Ziel meiner Reise. Technisch wäre der Aufstieg bis hier her wohl auch ohne Guide möglich gewesen. Aber Anuj gibt mir Sicherheit und hat ein digitales Funkgerät mit dem er regelmäßig unseren Standort durchgibt. Über 4.000 Meter Höhe ändert sich der Charakter des Weges. Bzw. es gibt keinen definierten Weg mehr. In Geröllfeldern muss, wegen hoher Steinschlaggefahr, vorsichtig aber möglichst schnell und ohne Pause steil nach oben gestiegen werden. Die Luft ist dünn! Ohne Guide wäre der Aufstieg nicht mehr zu verantworten. Ein gut gelaunter Sadu schließt sich uns an. Auch er wird wissen dass es besser ist nicht allein zu gehen. Tapovan erreichen wir gerade rechtzeitig zum Lunch im kleinen Moni Baba Ashram. Übernachtung auch hier auf knapp 4.400 Meter Höhe in einer niedrigen Steinhütte. Heute Boden statt Pritsche. Aber der Blick auf den direkt gegenüber liegenden Berg Shivling und die umgebenden weiteren 6.000er ist faszinierend schön. Der Gletscher darunter ist von Staub und Geröll grau. Und es ist erkennbar, dass er schrumpft und sich zurück zieht. Baba lebt hier seit 2008 in seiner Steinhütte. Sommer wie Winter. In Winter kann er die Hütte oft nicht verlassen, nicht wegen der minus 35 Grad sondern wegen „high-speed-wind“. Wie für Sadus seit Jahrhunderten, ist der Platz am Berg Shivas für ihn heilig. Und er genießt die einzigartige Natur.
Am Morgen liegt wieder Eis auf den Wasserbehältern und über dem Bach. Aber die Sonne scheint zuverlässig. Nochmal kurz hoch zum Shiva-Heiligtum am höchsten Punkt, dann der Abstieg über die Geröllfelder. Das letzte Stück nach Gaumukh gehen wir bequem über einen flachen weißen Sand-„Strand“: Gestein das der Fluss über Jahrtausende zermahlen hat. Am Kuhmaul, dem Ursprung des Ganges, ist es am Vormittag erstaunlich ruhig. Eine halbe Stunde habe ich den besonderen Platz für mich allein. Etwa zwei Kilometer flussabwärts verweist Anuj auf einige Felsen im Flussbett: „old Gaumukh“. Vor ca. 20 Jahren war die Gletscherzunge noch dort. Bereits am Mittag erreichen wir wieder Bhojwasa. Da das Wetter für den Abstieg optimal ist, entscheide ich mich gegen eine weitere Nacht in der Kälte. Der Abstieg gelingt gut, Gangotri ist am späten Nachmittag erreicht.
- Tag 74 in Indien: Char Dham II – Gangotri

Um fünf Uhr bin ich wieder am Bus-Stand. Heute klappt es gut und ich bekomme meinen Platz im Bus durch die Berge nach Gangotri: 100 km, von 1.050 auf 3.050 Höhenmeter, 5 1/2 Stunden. Im Bergdorf angekommen, wird meine Registrierung für die Char Dham Yatra nicht erst am Tempel, sondern bereits am Ortseingang kontrolliert und gescannt. In Gangotri am Oberlauf des Ganges, der hier eigentlich noch Bhagirathi heißt, wird der Heilige Fluss Ganges verehrt. Kanister verschiedenster Größen, um das heilige Wasser nachhause bringen zu können, sind auch hier Verkaufsschlager. Anders als z.B. in Varanasi, scheint das rituelle Bad hier im Gebirgsfluss gesundheitlich unbedenklich. Aber eiskalt ist das Gletscherwasser. Mythologisch ist Gangotri, wie die drei weiteren Tempel der Char Dham, als Pilgerziel uralt. Der heutige schöne Tempel, über den Ghats am Fluss, stammt immerhin aus dem frühen 19. Jahrhundert. Arati wird nicht am Fluss sondern traditionell vor der Gottheit im Tempel gefeiert: Mutter Ganga hat ein Gesicht aus Gold und vier silberne Arme.
Mit dem Fluss und dem Tempel in Gangotri ist das Ziel der großen Masse der Pilger hier erreicht. Mein Wunsch ist es weiter nach oben zu kommen: Zur eigentlichen Quelle des Ganges!
- Tage 73 und 78 in Indien: Uttarkashi

Einen Ticketschalter suche ich am Vortag im Chaos der Busse vergeblich. Mir wird gesagt dass ich einfach am Morgen kommen soll, Busse fahren zwischen sechs und acht Uhr. Als ich morgens um 06:20 wieder da bin, wird mit bedeutet, dass die Busse zur nächsten Etappe, Gangotri, um sechs Uhr abgefahren sind. Ich mache das Beste daraus und fahre nach Uttarkashi, das fast auf halbem Weg liegt. So sind es heute nur 125 Kilometer durch die Berge ins Tal. Am Morgen herrscht reger Verkehr. In beide Richtungen. Die Piste ist schmal, im Begegnungsverkehr müssen sich die Fahrzeuge millimeterweise aneinander vorbei tasten. Bis die Lehmpiste nach knapp 25 km in eine asphaltierte Straße übergeht sind es drei Stunden Fahrt. Weitere vier Stunden werden für die restlichen 100 km benötigt. Aber im Bus komme ich mit zwei Familien in den Reihen vor mir ins Gespräch. Davon abgesehen dass ich überhaupt hier bin, erstaunt es (wieder einmal) dass ich allein reise. In Indien, sagt der Familienvater, bist Du in Deiner Familie gefangen. Ohne Deine Familie kannst Du nichts tun. Als ich erwidere, dass der junge Mann neben mir, der mir bereits Fotos von Frau und Kind gezeigt hat, auch allein reist, löse ich eine lautstarke Kulturdiskussion aus.
„Kashi“ ist der alte Name für Varanasi, das ich vor elf Wochen erlebt habe. Die Kleinstadt Uttarkashi ist das Varanasi des Nordens. Die Städte sind historisch und mythologisch verbunden, beide liegen am Ganges und verehren Shiva in Vishwanath Tempeln. Sollte Varanasi, eine der ältesten durchgehend bewohnten Städte der Welt, einmal untergehen, wird Uttarkashi der Sitz Shivas. Ich erlebe die Pilgerstadt (wie für mich, ist es für viele Verkehrsnoten beim Char Dham) überraschend ruhig. Nur im Wartebereich zum Vishwanath Haupttempel herrscht dichtes Gedränge. Ich beschließe, dass es mir genügt den Tempel von außen zu sehen. Bin ich inzwischen dünnhäutig geworden?
Der Zwischenstopp in Uttarkashi hat sich bewährt. Deshalb lege ich ihn auch zwischen Gangotri und Kedarnath ein. Die Warteschlange vor dem Tempel ist noch länger.




















































































