Weitere 250 Kilometer fahre ich mit der Bahn durch den Punjab in Richtung Nordwest, nach Amritsar. Nur noch 30 Kilometer trennen mich dort von Pakistan. Die letzten Gefechte zwischen den leider verfeindeten Nachbarn in diesem Bereich sind noch kein Jahr her. Ich bleibe diesseits der Grenze. Amritsar: Das historische Hauptzentrum und bis heute spirituelle Zentrum des Sikhismus. Dort befindet sich Akal Takht, der höchste Sitz religiöser Autorität im Sikhismus und (in derselben Anlage) mit dem Harmandir Sahib, dem Goldenen Tempel, das wichtigste Pilgerziel der Sikhs. Nach dem Sahib Gurudwara in Patna, einem der fünf wichtigsten Tempel der Sikhs, am zweiten Tag meiner Reise, nun also, elf Wochen später, ihr wichtigster und prächtigster Tempel. Langsam schließt sich für mich der Kreis der Reise. In seinen Grundzügen stammt der Tempel aus dem 16./17. Jahrhundert. Die 400 Kilogramm Blattgold kamen später darauf. Verehrt wird keine Gottheit oder Skulptur, sondern die Lehre. Verkörpert durch die heiligen Schriften deren Originale hier aufbewahrt werden. Die (Leidens-) Geschichte der Sikh im Punjab ist lang. Im Jahr 1984 stürmte die indische Armee auf Anordnung von Premierministerin Indira Gandhi den Tempelkomplex weil sich dort Sikh-Separatisten verschanzt hatten. Die Kämpfe dauerten mehrere Tage und Nächte. Wieviel hunderte Tote es gab ist bis heute umstritten. Ausdrücklich in diesem Zusammenhang wurde die Premierministerin dann von ihren Sikh-Leibwächtern ermordet. Beim folgenden bundesweiten Pogrom wurden wiederum etwa 2000 Sikhs getötet. Nachdem ich meine Schuhe ausgezogen, den Kopf mit einem Tuch bedeckt, Füße und Hände gewaschen habe, bekomme ich Zugang und erlebe die Tempelanlage friedlich und, wie bei den Sikhs Standart, ruhig und würdig. Der Tempel liegt in einem künstlichen See. Die Wartezeit vor und auf dem Steg beträgt über eine Stunde. Aber es herrscht gelassene Ruhe. Bei knapp 40 Grad. Standard am Sikh-Tempel ist auch Langar: Kostenloses Essen für jeden der kommt. Am Goldenen Tempel sind es täglich mehrere zehntausend Mahlzeiten die zubereitet und ausgeben werden. Auch ich setze mich in die Reihen der großen Halle. In meinen Blechteller bekomme ich Dal und Reis, Gemüsecurry und Brot, Milchreis mit Früchten.
Mit dem Shri Durgiana Tempel haben auch die Hindus ein wichtiges Pilgerziel in Amritsar. Der jetzige Bau stammt aus dem frühen 20. Jhd. und ähnelt dem Goldenen Tempel frappierend. Offenbar wollte man den Sikhs nicht nachstehen. Sehr schön sind die Tore aus Silber. Anders als im Goldenen Tempel, wo wegen der Massen nur ein Durchgehen gestattet ist, kann ich mich hier zu den chantenten Gläubigen setzen und Mittags am Arati teilnehmen. Wie erstmals schon in Vrindavan und Mathura, entdecke ich auch in Amritsar ein Gaushala: Ein Kuhschutzheim. Wie eine karitative Einrichtung wird es vom „Komitee für den Dienst an der Kuh“ betrieben. So wie vor den Tempeln an Straßenständen die nötigen Opfergaben verkauft werden, kaufen vor dem Kuhasyl die Menschen vorbereitetes Gemüse, um es den Tieren aus der Hand zu füttern. „Alle Götter wohnen in der Kuh“. Die Gedenkstätte Jallianwala Bagh erinnert an ein Massaker an der Bevölkerung 1913: Die britischen Machthaber ließen das Feuer auf friedliche Demonstranten und feiernde Familien eröffnen, über Tausend Menschen starben. Geschichte wiederholt sich.












































