Letzte Etappe meiner Char Dham Yatra ist der Tempel in Badrinath. Relativ einfach: Ort und Tempel sind mit dem Bus direkt erreichbar. Obwohl Sonprayag und Badrinath Luftlinie nur etwa 40 km voneinander entfernt sind, ist die Fahrt über Pässe und durch das Tal des Alaknanda wieder 230 km lang. Es erfordert kumuliert mehr als 9.200 Höhenmeter aufwärts um das Ziel auf 3.100 Meter zu erreichen. In Bus lasse ich mich von drei Heranwachsenden befragen. Sie selbst kommen aus Kerala, ganz im Süden Indiens, haben aber nur für die halbe Char Dham Zeit und wollen auf der Rückreise noch nach Varanasi. Der Höhe entsprechend ist es auch in Badrinath lausig kalt. Weder die Länge der Warteschlange noch die voraussichtliche Wartezeit lässt sich am Ende der Schlange zum Tempel abschätzen. Mir scheint zunächst dass es ruhiger als in Kedarnath ist und so stellt ich mich ohne Schuhe ans Ende der Schlange. Nach 1 1/2 Stunden kann ich einen Becher heiße Milch kaufen, die die eiskalten Füße jedoch nicht erreicht. Nach knapp 3 1/2 Stunden erreiche ich das Gedränge vor dem Tor des Tempels. Nochmal der Vergleich: In Europa habe ich solche Massen von Menschen weder im Heiligen Jahr 2025 in Rom, noch im Heiligen Jahr 2022 in Santiago de Compostela erlebt. In Indien sind es ganz normale Tage an Tempeln auf über 3.000 Meter Höhe im Himalaya. Auch die indischen Pilger haben eiskalte Füße, nehmen das aber genauso als gegeben hin wie die stundenlangen Wartezeiten, die tagelangen schwierigen Busfahrten und die chaotischen Aufstiege. Wichtig ist ihnen Darshan: Der kurze Augenblick in dem sie der Gottheit im Tempel in die Augen sehen und von der Gottheit gesehen werden. Um dann von den Nachdrängenden wieder hinausgeschoben zu werden. Bis zum Tor des Tempels stehen sie (und ich) dafür ruhig an. Nur als ein paar Heranwachsende sich durch die gespannten Seile nach vorne mogeln wollen, wird es ausgesprochen unruhig. Eine Frau wirft einen Stein. Im Badrinath-Tempel wird Vishnu verehrt, der Tempel ist eines der wichtigsten Vishnu-Heiligtümer Indiens. Im großen Innenhof hinter der farbenfrohen Fassade steht der eigentliche Tempel aus Granit aus dem frühen 19. Jahrhundert.
Mir selbst ist Darshan nicht wichtig und ich gehe auch nicht davon aus durch die Char Dham Yatra einen Kreislauf von Wiedergeburten zu durchbrechen. Aber es berührt mich, dass ich diese vier heiligen Orte, die Quelle der Yamuna in Yamunotri, den Oberlauf des Ganges in Gangotri, das Shiva-Heiligtum in Kedarnath und das Vishnu-Heiligtum in Badrinath, zu denen Menschen mythologisch bereits ewig, nachweislich mindestens seit dem 8. Jahrhundert kommen um ihre Spiritualität zu leben und ihrem Gott nahe zu sein, ebenfalls besuchen durfte. Auf die gleiche Weise wie der indische Pilger heute. Nur mit entspannterem Zeitansatz: 11 Tage sind es geworden plus drei fantastische Tage Trek nach Gaumukh und Tapovan. Und 1.330 Kilometer haarsträubende Busfahrten.
















