Muxia 2022

Tage 78 bis 80 in Indien: Char Dham III – Kedarnath

Der Pilger soll sich kasteien. Wer den Kedarnath-Tempel auf 3.600 Meter Höhe erreichen (und wieder verlassen) will, erfährt tagelange Kasteiung. Optimistisch steige ich nach der Zwischenübernachtung in Uttarkashi in den Bus zum Ausgangsort Sonprayag (260 km). Doch aus unerfindlichen Gründen fährt der Bus nur 160 Kilometer bis Srinagar. Einigen indischen Mitfahrern (wie immer bin ich der einzige Nicht-Inder im Bus), von denen ich weiß dass sie dasselbe Ziel haben, hinterher, springe ich in den nächsten Bus. Sitzplätze gibt es nicht mehr. Die Straße folgt in diesem Bereich schön dem breiten Lauf des Alaknanda-River, der aus Badrinath (letzte Station meiner Char Dham) kommt und sich flussabwärts mit dem Bhagirathi zum Ganges vereinigen wird. Doch eine Stunde und 30 km weiter, in Rudraprayag, endet auch diese Fahrt. Ein „Shared Jeep“ muss organisiert werden. Es hat sich eine Art Pilgergruppe zusammen gefunden. Ich wecke Neugier und da sich der Fahrpreis des Einzelnen mit der Anzahl der Mitfahrer reduziert, bin ich weiterhin gern gesehen. Zu zehnt quetschen wir uns in den kleinen Van. Auf der überfüllten Bergstraße pflegt der Fahrer eine robuste Fahrweise. Aber einige Kilometer vor Sonprayag geht nichts mehr: Der Rückstau vom Ortseingang bringt den Verkehr komplett zum Erliegen. Es dauert lang bis ich meine Mitfahrer davon überzeugen kann das Gepäck vom Dach zu holen und die letzten zwei bis drei Kilometer zu Fuß zu gehen, statt eingeängt open end im Jeep zu verharren. Indische Denkweise wäre das Gegenteil. Nach 15 Stunden komme ich in Sonprayag an. Der Höhenunterschied zwischen Start und Ziel beträgt nur 700 Meter. Aber über die Bergpässe waren es für Fahrzeuge und mich über 5.000 Höhenmeter aufwärts. Eine weitere Stunde kletter ich in der Dunkelheit an Hängen herum: Wieder einmal hat die Lagebezeichnung des Homestay in der App mit der Realität nichts zu tun.

Der Aufstieg zum Kedarnath-Tempel, von 1.700 auf knapp 3.600 Höhenmeter, erfolgt (sofern man sich nicht tragen lässt) zu Fuß. Zunächst durch den Ort, dann vier Kilometer entlang einer von Shuttle-Jeeps überfüllten und blockierten Straße, zum eigentlichen Startpunkt des Tracks. Landschaftlich wunderschön folgt der Weg dann 18 Kilometer der Schlucht des Mandakini-River in nicht enden wollenden Serpentinen steil nach oben. Und ist wieder völlig überfüllt. Wie in Yamunotri verschaffen sich Träger (von Menschen) und Führer von Pferden (bzw Maultieren) die Menschen tragen, schreiend und stoßend ihre Bahn. Die Fußpilger drängeln und schieben sich dazwischen gegenseitig. Mein persönliches Handicap ist mein komplettes Reisegepäck auf dem Rücken. Also stoisch, Schritt für Schritt immer weiter. Mitten im Gedränge fragt mich ein junger Mann (nach dem üblichen „where you come from?“) wie mir der Trak gefällt. Meine ehrliche Antwort fällt nicht wie erwartet aus. Ob es wohl mein erster Trek in Indien sei? (eigentlich nicht). Was „normal“ ist, ist eine Frage der Maßstäbe. Und Indien hat seine eigenen Maßstäbe. Am späten Nachmittag, bei leichtem Schneefall, ist das Tempeldorf erreicht.

Mehr als zwei Stunden heißt es dann für den Zugang zum Tempel anzustehen. Wegen der Kälte gilt es die Schuhe möglichst kurz vor dem Zutritt durch die Gitter des Wartebereich nach außen zu bugsieren. Aber so, dass sie nachher wieder gefunden werden können. Die Pilgerschaft nach Kedarnath und Badrinath soll auf Adi Shankaracharya zurückgehen, einem großen hinduistischen Philosophen und Reformator des 8. Jahrhunderts. Sein Grab wird hinter dem Tempel vermutet. Der heutige massive Tempel aus dem 18. Jahrhundert hat auch innen ein schönes Gewölbe aus Granit. Verehrt wird hier Shiva, nicht als Lingam sondern in einer unregelmäßigen Steinform. In einem der Camps die das Dorf umgeben, habe ich mir ein kleines Zelt gemietet. Da es für max. drei Personen angeboten wird, finde ich drei warme Decken darin. Und komme damit gut durch die Nacht.

Am Vormittag ist die Schlange zum Tempel nochmal deutlich länger und zieht sich durch das ganze Dorf. Immerhin ist es wieder sonnig. Ob die Menschen wissen, dass sie den halben Tag warten werden? Jedenfalls hat das keine große Relevanz.