Muxia 2022

Die Indienreise

Mit wenigen Tagen Abstand blicke ich zurück auf die große Reise: 94 Tage in Indien, 27 Tage in Nepal. 7.350 Kilometer habe ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln und 350 Kilometer zu Fuß auf Treks zurückgelegt. Und war doch, abgesehen vom Abstecher Richtung Bhopal, nur im Norden des Subkontinents unterwegs. Knapp 200 hinduistische oder buddhistische Tempel, islamische Moscheen, Jain-Tempel, Sikh-Gurudwaras, christliche Kirchen und einen Baha’i Tempel habe ich bewusst (so dass ich sie namentlich benennen kann) besucht.

Eine gängige Formulierung behauptet, dass man Indien nur entweder lieben oder hassen kann. Dazwischen gebe es nichts. Nach meiner Reise teile ich diese Meinung nicht: Ich habe faszinierende spirituelle Orte erlebt, wie es sie so dicht wohl in kaum einem anderen Land der Welt gibt, aber auch allgegenwärtiges pures Chaos. Ich habe Menschen in tiefer Verehrung ihrer Gottheit und tief in ihrer spirituellen Praxis erlebt, aber auch rücksichtslose Menschenmassen und musste manchmal auch selbst rücksichtslos sein, um in den Menschenmassen zu bestehen. Die Ursprungsstätten des Buddhismus konnte ich mit Buddhisten aus vielen Ländern in tiefer Ruhe teilen; an nahezu jedem anderen Ort herrschte Lärm rund um die Uhr. Ich konnte 1.000 Jahre alte hinduistische Tempel und 2.000 Jahre alte buddhistische Stupas besuchen und habe außerhalb dieser Orte überall Müll, Schmutz und oft Gestank ertragen. Ich habe moderne, liebevolle Familien gesehen und Familien mit Kindern, die wie Prinzessinnen oder Prinzen bekleidet, geschmückt und geschminkt waren und kauernde Kinder an ihrem Arbeitsplatz in der Ziegelei. Und ein nacktes, schreiendes Kleinkind auf einer durchweichten Wellpappe auf einer Müllkippe. Nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von Kindern und sehr kleinen Kindern wurde ich unzählige Male angebettelt. Kühe mit vergoldeten Hörnern wurden hingegen (nicht von mir) ungebeten gefüttert und geherzt. Ich wurde von wehrhaften Affen beraubt, von einem tollwutverdächtigen Hund gebissen (die Inkubationszeit ist nun wohl vorüber) und ein massiver Magen-Darm-Infekt hat mich letztlich mehrere Zähne gekostet. Und in zwei Kliniken wurde ich gut und unbürokratisch versorgt. In der Gangesebene und insbesondere im Himalaya habe ich wunderschöne Landschaften und traumhafte Berggipfel gesehen, aber die normalen Stadtbilder durchgängig geradezu als apokalyptisch wahrgenommen.

Dazwischen bleibt die Faszination für ein Land, das mit unseren Maßstäben nicht zu erfassen ist. Und deshalb der Wunsch, dass diese erste große Indienreise nicht meine einzige bleiben wird.