In den meisten buddhistischen Tempelanlagen des Henro, oder in ihrer unmittelbaren Nähe, gibt es auch kleinere oder größere Shinto-Schreine. Japanische Pilger bringen (mit etwas unterschiedlichen Ritualen) sowohl am buddhistischem Tempel, als auch am Shinto-Schrein Verehrung dar. Manche Tempel sollen in ihrer langen Geschichte mehrfach zwischen Buddhismus und Shintoismus gewechselt haben. Viele Shinto-Schreine oder andere Shinto-Heiligtümer sehe ich am Weg. Als Urreligion Japans war der Shintoismus hier schon Jahrhunderte verwurzelt, bevor der Buddhismus ab dem 6. Jahrhundert aus China importiert wurde. Verehrt werden zahlenmäßig unbegrenzte Kami: Heilige Kräfte in Bergen, Felsen, Bäumen, Wasserfällen, Ahnen, Herrscherlinien, lokalen Schutzgottheiten oder Alltagsgegenständen. Als sakral gekennzeichnet durch Shimenawa, das „heilige“ Strohseil oder Torii, das Shinto-Tor (durch das der Schrein leicht vom buddhistischen Tempel unterschieden werden kann). Es ist kein Widerspruch dass sich die große Mehrheit der Japaner zu beiden Religionen bekannt: Shintoismus mit Festen zu freudigen Anlässen für Schutz und gutes Leben im Diesseits, Buddhismus für Befreiung aus dem Leiden und Nirvana im Jenseits. Und noch etwas neues kommt hinzu: Im Hostel erzählt mir ein Japaner aus Osaka, dass es beliebt ist in Kapellen nach christlichem Ritus zu heiraten. Aber wichtig nach buddhistischem Ritus bestattet zu werden. Auch ich habe kein Problem damit, mein christliches Gebet am buddhistischen Tempel zu verrichten.
Zunächst entlang der Landstraße, dann durch schöne Wälder, schließlich, ab Tempel 22 entlang der Landstraße Route 55, erreiche ich am späten Nachmittag die Kleinstadt Hiwasa. Und damit, nach acht Tagen und rund 160 Kilometern Berge, Hügel und Reisfelder, das was eine Insel ausmacht: Das Meer! Genauer gesagt den Pazifik an der Südostküste Shikokus. Der Ohama-Beach darf in den Sommermonaten bei Dunkelheit nicht betreten werden: Zum Schutz der Meeresschildkröten die dort ihre Eier ablegen. Über dem Ort liegt schön beleuchtet die Pagode von Tempel 23, Yakuo-ji, dem „Tempel des Medizinkönigs“.
76 Kilometer liegen zwischen den Tempeln 23 und 24. Drei Tage stets entlang der Pazifikküste von Hiwasa zum Kap Muroto. Mit Übernachtungen bei Ozuna-Beach und Ikumi-Beach: Der Wirt erzählt, dass im Frühjahr und Herbst die Pilger kommen und im Sommer die Surfer. Ich bin antizyklisch unterwegs. Er selbst ist des Surfens wegen aus Osaka hierher gezogen. Der Pazifik ist aber offenbar nicht immer sportlich: In jedem Dorf gibt es Tsunami-Evakuierungspläne und -Rettungsorte. Im Wald über der Steilküste habe ich tolle Aussichten und treffe wieder auf Marderhunde, Hirsche, kleine Frösche und sehr große Tausendfüßler und die eine und andere Schlange. Kurz nach Indien auch wieder auf wild lebende Affen. Die japanischen haben aber offenbar keine Zueignungsabsichten. Die längsten Abschnitte hinweg folgt der Weg jedoch einfach der Route 55. Direkt an der Straße liegt immerhin Yasaka-ji: Von den 20 sog. Bekkaku-Tempel, separat gezählte Tempel die auch eine eigene Pilgerreise darstellen können, die Nummer vier. Seine Besonderheit sind zwei gewundene Tunnel als unterirdische Pilgerreisen: Im linken Tunnel können, entlang entsprechender Fotos, verschiedene buddhistische Pilgerziele abgeschritten werden. Ich erkenne auch meine Ziele in Indien und Nepal wieder. Im rechten Tunnel werden bildlich die 88 Tempel Shikokus abgeschritten, er endet in einem sehr schönen weiteren Tempel.





































