Muxia 2022

Shikoku Henro, Tage 4 bis 7

In Nordindien habe ich an den Ursprungsorten des Buddhismus Buddhisten aus verschiedenen Ländern und Traditionen bei ihren unterschiedlichen Ritualen beobachtet. In Kathmandu tibetischen Buddhismus und in Mc Leod Gani die Tradition des Dalai Lama erlebt. Nun möchte ich mehr über den japanischen Buddhismus erfahren. Abgesehen von wenigen Ausnahmen stehen die Tempel am Pilgerweg nicht etwa in der Tradition des Zen-, sondern des Shingon- des sog. esoterischen Buddhismus. Vom Mönch Kukai nach einer Chinareise am Anfang des 9. Jahrhunderts (und damit mehrere Jahrhunderte vor dem Zen) in Japan und insbesondere in seiner Heimat Shikoku etabliert. Im Shingon-Buddhismus wird nicht nur der historische Buddha, sondern viele weitere Buddhas und Bodhisattvas verehrt. Aber alle gelten als Erscheinungsformen der einen kosmischen Wirklichkeit. So hat jeder Tempel sein eigenes Honzen, seine eigene Hauptverehrungsfigur.

Der Abschnitt zwischen den Tempeln 11 und 12 gilt als einer der schwierigsten des Weges. Nr. 12, Shosan-ji, liegt in über 700 Meter Höhe und erfordert lange steile Anstiege. Zwischen den Übernachtungsorten sind, auf 16 Kilometern Distanz, 1.180 Höhenmeter zu bewältigen. Heute bei schwül-warmen Wetter. Aber es ist auch ein sehr schöner Abschnitt, in einem mystischen Wald mit vielen Skulpturen, kleinen Scheinen und schönen Aussichten. Am höchsten Punkt wartet Kukai unter der riesigen Zeder Joren-an. Und auch der Tempel ist von bis zu 500 Jahre alten Zedern umgeben.

Die Tempel 13 bis 16 liegen in Vororten bzw am Stadtrand von Tokushima. So bringt mich der Tag zurück in die Stadt in der ich bereits nach der Anreise übernachtet habe. Zunächst, wieder im Wald, begleitet mich ein Kupferfasan ein kurzes Stück. Der japanische Marderhund hingegen fremdelt. Gegenüber Tempel 13, ursprünglich eine Einheit, liegt der schöne Shinto-Schrein Ichinomiya-Jinja mit lebensgroßen Pferdeskulpturen. Die Tempel 14, 15 und 16 kommen dann in dichter Folge bevor mich die Bahn ins Stadtzentrum zum Hostel bringt.

In Tempel 17, Ido-ji, gibt es einen Brunnen der auch auf den Pilger-Mönch Kukai im 9. Jahrhundert zurückgehen soll. Wer beim Hineinblicken sein eigenes Spiegelbild sieht, dem wird eine glückliche Zukunft versprochen. Yes! Bis Tempel 18 führt der Weg entlang den Straßen wieder durch die Vororte der Stadt. Dann aber auch durch einen schönen Bambus-Wald. Bei Tempel 19 treffe ich überraschend den jungen Pilger aus LA, den ich bereits bei der ersten Übernachtung kennengelernt habe. Sonst sind wenig Menschen zu Fuß auf dem Weg. Auch bei meiner heutigen Übernachtung in der Pilgrims Lodge Oturu bin ich der einzige Gast. Aber die Gastgeberin hat bereits ein fantastisches japanisches Menü für mich vorbereitet!

Drei besonders schöne Tempel an drei besonders schönen Orten erfordern drei besonders herausfordernde Aufstiege. Ein Abstecher vom Weg führt mich zunächst hoch zum kleinen Tempel am Hoshino-Iwaya Wasserfall. Vielleicht der schönste Ort am bisherigen Weg. Ein schmaler Pfad führt hinter den Wasserfall in eine kleine Höhle mit einem Schrein. Die Tempel 20 und 21 gelten, wie schon 12, als Nanshos, als schwer zugängliche Orte. Sie liegen auf gegenüber liegenden Berggipfeln. Und die Wege dort hin als Henro-Korogashi: Wo der Pilger stürzt. Aber auch diese Wege durch den Bergwald sind (ohne Sturz) zu bewältigen und lohnen sich. Vom letzten Berg soll mich die Seilbahn zum Übernachten ins Tal nach Wajiki bringen. Zu meiner Überraschung fährt die Seilbahn zunächst nicht nach unten sondern nach oben: Über den Gipfelsattel hinweg auf die andere Seite des Berges. Die Aussicht über die Berge bis zum Meer ist fantastisch. Und im Hotel wartet wieder ein Onzen.