Muxia 2022

Shikoku Henro, Tage 1 bis 3

Klassische Pilgerwege und Pilgerziele der Weltreligionen: Ausschlaggebend für meine Reise nach Japan war zunächst der Shikoku Henro, bzw. 88-Tempel-Pilgerweg, der auf Shikoku, der viertgrößten Hauptinseln Japans, rund um die Insel 88 buddhistische Tempel und eine Vielzahl von Shinto-Schreinen miteinander verbindet. Ohne lohnende oder ungewollte Umwege soll die Strecke rund 1.150 Kilometer betragen. Historisch und in seiner Bedeutung im Buddhismus und im asiatischen Raum, ist der Shikoku Henro dem Jakobsweg im Christentum und in Europa durchaus ebenbürtig. Begründet wurde der Weg, oder zumindest einige Tempel am Weg, vom Mönch Kukai im 9. Jahrhundert. So besitzt das Pilgern auf Japanisch seine ganz eigenen Traditionen und Rituale. Ich freue mich darauf!

Wenige Hundert Meter sind es vom Bahnhof der Kleinstadt Bando zum Tempel 1, Ryozen-ji. Wieder schließt sich für mich in gewisser Weise ein Kreis: Der Tempel ist nach dem Geierberg, Griddhakuta, benannt, an dem der historische Buddha meditierte und erstmals das Lotus-Sutra lehrte. Und den ich deshalb vor vier Monaten zu Beginn meiner großen Indienreise bestiegen habe. Im kleinen Pilger-Shop des Tempels kann ich mich mit der Grundausstattung für die Tempelbesuche versehen, insbesondere mit dem Nokyocho, dem Buch in dem jeder Tempelbesuch mit drei roten Stempeln und einer schönen Kalligrafie dokumentiert wird. Gleich hinter Tempel 1 führt mich ein Umweg zum schönen Shinto-Schrein Ooasahiko-Jinja und dem dahinter liegenden Park mit zwei „deutschen Brücken“, gebaut von deutschen Kriegsgefangenen während des ersten Weltkriegs. Am Umweg liegt auch das große German House. Neben Germany-Souvenirs aller Art, ist man stolz darauf, dass hier Beethovens neunte Sinfonie erstmals in Asien aufgeführt wurde. Die rund 1.000 deutschen Kriegsgefangene wurden offenbar fair behandelt und schlossen Freundschaften mit der lokalen Bevölkerung. Das ehemalige Lagergelände ist heute Park mit deutschen und japanischen Ehrenmalen und einem Mahnmal für Deutsch-Japanische Freundschaft. Zurück am Hauptweg gelange ich heute auch noch zu den Tempeln 2 bis 5.

Neben den Tempeln 6 und 7 führt mich am zweiten Tag ein 2 x 5 km langer Abstecher zum schönen Tempel Taisan-ji (außerhalb der 88er Zählung), der sehr schön auf einem 450 Meter hohen Plateau mit einem 800 Jahre alten Gingko Baum liegt.

Da ich nach wie vor nicht tätowiert bin, kann ich am Abend das erste Mal einen Onzen besuchen. Mit Tätowierungen ist der Besuch nach wie vor nicht gestattet. Im traditionellen heißen Thermalbad mit verschiedenen Innen- und Außenbecken und Saunen herrschen vorgesehene Abläufe und mannigfache Regeln, die nur in japanischen Schriftzeichen vorgetragen sind. Aber von den (außer mir ausschließlich) lokalen Besuchern lässt sich abschauen was zu tun und zu lassen ist. Zum Onzen gehört auch ein Restaurant. Jedes Essen in Japan ist mir ein Fest.

Weiter führt der Pilgerweg durch Vororte, sehr stille Dörfer, Reisfelder und Obstplantagen. Highlights und nationale Kulturgüter Japans sind die Pagode des Tempels 10, von einem Samurai Anfang des 17. Jahrhunderts errichtet, und die fast 900 Jahre alte geschnitzte Hauptgottheit des Tempels 11. Meine Herberge liegt am Tempel 11 aber damit etwas abseits. Mit einem Fahrrad der Herberge fahre ich am Abend in die Kleinstadt Kamojima, wieder Onzen und Abendessen im Ramen-Restaurant.