Muxia 2022

Shikoku Henro, Tage 25 bis 30

Osettai: So wie der Pilgerweg seine eigenen Traditionen und Rituale hat, haben auch die Menschen am Weg ihren traditionellen Umgang mit den Pilgern. Osettai ist die gängige Praxis Pilgern Hilfe anzubieten und kleine Geschenke zu machen. An einem Tempel sitzt eine ältere Frau und schenkt jedem Pilger eine hübsche Origamiarbeit. Auf solche Situationen etwas vorbereitet, überreiche ich ihr eine Postkarte mit Motiven der fränkischen Heimat. Das freut sie offenbar so, dass ich wiederum, exklusiv, ein handgenähtes Täschen für Taschentücher bekomme. Nach rund 700 Kilometern auf dem Weg schleppe ich eine ansehnliche Sammlung von Origamiarbeiten mit mir herum. Meine Postkarten werden nicht ausreichen. Staubig und verschwitzt als Pilger zu Fuß erkennbar, bekomme ich in manchen Tempelbüros ein kaltes Getränk oder japanische Süßigkeiten. Einmal ein kleines besticktes Handtuch. In Dörfern laufen mir rufend Leute hinterher, um mir ein Getränk, Kekse oder Obst zu schenken. So lerne ich Kawachi Bankan kennen, die japanische Pampelmuse, die speziell in der Präfektur Ehime angebaut wird. Ungefragt bietet mir, nachdem ich gerade im strömenden Regen losgetrottet bin, eine Autofahrerin an mich mitzunehmen. 25 km bis zum nächsten Tempel. Man sollte Osettai nicht ablehnen. Ein Autofahrer hält neben mir und reicht mir aus dem Fenster eine Packung Kekse. Ein anderer eine Tüte mit einer Dose Eiskaffee und einer Flasche Wasser. Gekühlt, er muss mich bereits vor dem Einkauf gesehen haben. Am Ausgang des neuen schönen Onsen fragt mich eine Mitarbeiterin was ich in Japan mache. Als ich bestätige, dass ich den Pilgerweg zu Fuß gehe, gibt sie mir, Osettai, mein Eintrittsgeld zurück. Eine kleine Herausforderung wird das Geschenk einer Bäuerin (?) die mitten in der Tagesetappe mit dem Moped neben mir anhält: Zwei rohe Eier.

Quer über das Südende Shikokus folge ich dem Weg zur Westküste der Insel. Aus dem Pazifik wird die Seto-Inlandsee. Schräg gegenüber liegt Hiroshima, dazwischen viele kleine Inseln. In Uwajima beeindruckt der Warei-Jinja Schrein. Sein Steintor soll eines der höchsten Torii Japans sein. Und, direkt am Fischereihafen, Sushiemon mit dem denkbar besten, frischesten Sushi.

In Unomachi bedeuten mir Anwohner dass ich etwas warten soll. So kann ich Ōji-jinja Natsu-matsuri miterleben: Den Festumzug des Sommerfestes des Oji-Schreins. Es ist ein kleiner lokaler aber vielleicht gerade deswegen authentischer Umzug, in den insbesondere Kinder und Jugendliche eingebunden sind. Dem Umzug voran wird Ushi-oni, ein typischer Rind-Dämon getragen. Die Gottheit des Schreins folgt in einem goldenen Mini-Schrein. In Ozu hingegen wurde vor dem Schrein für einige Tage ein Schilfring aufgebaut. Der Schreinpriester lädt per Aushang dazu ein, diesen in einer vorgegebenen Art und Weise mehrfach zu durchschreiten. Ein Reinigungsritual, das ich von einer Seniorengruppe beobachten kann. Beim heutigen Tempel Bekkaku 8 „Brücke der zehn Nächte“ soll Pilgermönch Kukai im 9. Jahrhundert gezwungen gewesen sein unter einer Brücke zu schlafen. Und geklagt haben dass sich die eine Nacht wie zehn angefühlt habe. Heute gibt es gleich zwei Statuen des schlafenden Kukai unter der Brücke der Route 56. Durch Uchiko führt eine Straße mit schön restaurierten historischen Häusern. Seit 2011 ist es Partnerstadt von Rothenburg o.d.T.