Muxia 2022

Tage 1 bis 5 in Taiwan: Taipei

Ein neues Land. Nach Japan und Korea gilt es nun, gedanklich und mit dem Gefühl in Taiwan anzukommen. Und gleichzeitig in 3 1/2 Tagen die quirlige 2,5 Millionen Hauptstadt Taipei zu erleben. Sabbatjahr bleibt Herausforderung. Der erste Eindruck, der erste Abend, überrollt: Taiwan ist nicht irgendwie chinesisch, Taiwan ist China pur. Ganz anders als Japan und Südkorea, die auch sehr unterschiedlich waren. Kleine Flashbacks: Viele Eindrücke, Situationen, Gerüche erinnern mich plötzlich wieder an Indien. Light versteht sich.

Eher zufällig gerate ich in den kleinen Tianhou Tempel, der zwischen den Geschäften in der Straße kaum auszumachen ist. Eine ungewöhnliche Mischung: Unmittelbar neben Mazu, der Göttin des Meeres aus dem chinesischen Volksglauben, wird der buddhistische Mönch Kukai, der mich auf der Pilgerreise durch Japan begleitet hat, verehrt. Ungewöhnlich für mich, nicht für Taiwan.

Auch im großen Banga Lungshan Tempel verschmelzen Buddhismus, Daoismus und chinesische Volksreligion. Die Jiǎobēi Wahrsagehölzer liegen, davon unabhängig, an jedem Altar bereit und werden eifrig benutzt: Je nachdem, wie sie zum liegen kommen, signalisieren die halbmondförmigen Hölzer, ob die Gottheit die vorgetragene Bitte bejaht, verneint oder mit einem Lächeln („du kennst die Antwort selbst“) quittiert.

Dem Gegenspieler Mao Zedungs und jahrzehntelangen Machthaber wird mit der pompösen Chiang-Kai-shek-Gedächtnishalle noch heute große Verehrung entgegengebracht. Den Tausenden Opfern seiner Diktatur hingegen im 228 Peace Memorial Park gedacht.

Die bemerkenswertesten Stücke chinesischer Kulturgeschichte haben die Männer Chiang Kai-sheks aus der verbotenen Stadt nach Taiwan gebracht. Heute werden sie im National Palace Museum ausgestellt. Die bekanntesten und beliebtesten Ausstellungsstücke sind aber nicht die uralten buddhistischen Skulpturen oder das Porzellan, sondern ein Stück Fleisch und ein Chinakohl. Aus Jade.

Nach dem dritten oder vierten Tempel nehme ich wahr, dass jeweils ein turmartiger, reich verzierter Ofen dazugehört: Jinlu, der Goldofen. Die Gläubigen verbrennen darin dicke Packen „Opferpapier“, Opfer und symbolische Verbindung zum Jenseitigen. Goldbeschichtetes Papier für die Götter, silbernes für die Ahnen.

Im volksreligiösen Hsing Tian Kong Tempel wird Guan Gong als Gott der Kriegskünste verehrt. Auf Räucherstäbchen und Opferpapier hingegen wird aus Umweltschutzgründen verzichtet. Sehr ungewöhnlich. Dafür hat der Tempel seine eigene Zeremonie „um den erschreckten Geist zurückzuholen“.