Muxia 2022

Tage 32 und 33 in Indien: Orchha

Eine kurze Bahnfahrt und eine zweistündige Wanderung bringen mich nach Orchha: Eine etwas vergessene -nehme ich irrig an- Kleinstadt im Grenzgebiet der Bundesstaaten Uttar Pradesh / Madhya Pradesh und damit meine erste Station in Madhya Pradesh. An der Landstraße besteige ich einen kleinen Hügel und entdecke einen ruhigen Platz mit vielen kleinsten Schreinen. Noch vor dem Ort stoße ich erst auf eine Prozession und dann auf einen ohrenbetäubend lauten Umzug: Es ist Ram Navami, Fest der Geburt Ramas. Der überregionale, wichtigste Tempel der Stadt ist ein Rama Tempel: Der Tag wird laut und bunt. Ungewöhnlich ist die Bauform des Ram Raja Tempels, die eher an einen Palast als an einen Tempel denken lässt. Und als einziger Ort in Indien wird Rama hier nicht in Form einer Gottheit, sondern als kriegerischer König verehrt. Und zur Verehrung kommen heute Tausende. Eine große spirituelle Party. Erst gegen Abend stelle auch ich mich in eine Schlange vor eines der Tempeltore. Das Tor ist geschlossen, es heißt auf das Arati zu warten. Nach einer Stunde strömen die Pilger in den Tempel. Ich werde mitgeströmt. Das Arati ist kurz und kaum zu sehen. Das Wichtigste für die Gläubigen und Rama-Verehrer kommt danach: Es gilt dem Heiligsten, der Rama-Skulptur, so nahe wie möglich zu kommen und die Opfergaben möglichst unmittelbar darzubringen. Das Gedränge ist unglaublich. Wer es nicht bis nach vorne schafft wirft seine Gaben über die Köpfe der Durchsetzungsstärkeren.

Der Rama Tempel ist nur eines der Highlights mit denen Orchha auf der vorläufigen Liste des UNESCO-Weltkulturerbes steht: Der Fort-Komplex am Fluss enthält u.a. die Paläste Jehangir Mahal und Raja Mahal aus der Zeit der Mogulkaiser: Innenhöfe, Türme und Türmchen, Dachterrassen, Wand- und Deckengemälde, plötzlich ist es das Indien aus Tausendundeine Nacht. Auch die Affen sind größer. Mein Highlight ist trotzdem der Chaturbhuj-Tempel direkt neben dem Ram Raja Tempel: Vom Raja Madhukar Shah im späten 16. Jahrhundert erbaut, hat er auf einem hohen Sockel einen mehrgeschossigen Aufbau und gilt mit seinem über hundert Meter hohen Hauptturm als einer der höchsten historischen Tempel in Indien. Mit einer Handlampe, für die engen Aufgänge, und einem Stock, wegen der Affen, bringt mich ein „Guide“ zur höchsten Plattform. Den Stock braucht er nicht. Aber er macht mich auf die Turmspitze gegenüber aufmerksam: Der Geier ist echt. Die Chhatris am Flussufer, Ehren- und Gedenkmale der Maharajas, sind einfach nur schön.

Am zweiten Vormittag mache ich einen Spaziergang zum etwas außerhalb liegenden Lakshmi-Narayan-Tempel. Aus dem frühen 17. Jahrhundert ist auch der eine wunderbare Mischung aus Tempel, Festung und Palast. Und es ist ruhig!

Für den zweiten Tollwut-Booster fahre ich zurück nach Jhansi.