Muxia 2022

Tage 26 und 27 in Indien: Ayodhya

Wieder ab Gorakhpur, fahre ich am frühen Morgen mit einem modernen und unglaublich langen Zug, von einem Bahnhof mit einem der längsten Bahnsteige der Welt, ca. 165 km nach Westen. Ein großer Affe sitzt zwischen den Wartenden am Bahnsteig, erregt aber weiter keine Aufmerksamkeit.

Ayodhya gehört wie Varanasi zu den Sapta Puri, den sieben heiligen Orten des Hinduismus: Wichtiges Pilgerziel und verehrt als Geburtsort von Lord Rama, dem siebten Avatar von Gott Vishnu. Zentral sind zum einen auch hier die Ghats, diesmal am Fluss Ghagara, der in Tibet entspringt, durch Nepal fließt und nach über 1000 Kilometern in den Ganges münden wird. Neben Rama wird hier besonders sein treuester Diener, Affengott Hanuman, verehrt. Der Affe am Bahnsteig in Gorakhpur war nur eine Vorhut: Hier in Ayodhya sind sie plötzlich überall. Dass mir einer, als ich beim Fotografieren kurz nicht darauf achte, blitzschnell die halb volle Schachtel Ladoo wegnimmt (und gleich gezielt aufreißt): Geschenkt, ich hätte damit rechnen müssen. Aber den dabei steckenden Objektivdeckel hole ich trotz seiner gefletschten Zähne zurück, da kenne ich keinen Spaß.


Anders als ich es bisher in Indien erlebt habe, ist in Ayodhya aber auch der Konflikt zwischen der hinduistischen Mehrheit und der islamischen Minderheit geradezu in Beton gegossen: Am exakten Geburtsort von Gott Rama soll ein Hindu-Tempel gestanden haben, den der Mogul-Herrscher um 1530 abreisen und durch eine Moschee ersetzen ließ. 1992 wurde die Moschee von einem (wohl gelenkten) Mob gestürmt und zerstört. Mit Auslöser für die landesweiten Unruhen 1992 mit etwa 2000 Todesopfern. 2001 sprach ein Gericht das Gelände der hinduistischen Gemeinschaft zu. Der neue gigantische Rama Tempel, ein national hinduistisches Symbol, wurde im Jahr 2024 eröffnet. www.tagesschau.de

Trotzdem will ich auch diesen neuen Tempel besuchen. Zwei Sicherheitskontrollen, eine großflächige Schleusung und für mich zwei Passkontrollen sind erforderlich. Daher gibt es kaum Gedränge. Elektronische Geräte (Handys) in die Anlage zu bringen wird wieder strikt unterbunden. Architektur und Ausschmückung, alles monochrom in Sandstein, sind trotz der Giganterie gelungen. Beim Verlassen des Geländes bekomme ich, wie jeder Besucher, aus einer Großküche heraus ein warmes Essen und ein Getränk gereicht.

Gleich danach im Stellenwert der Pilger kommt der Hanuman Tempel aus dem 18. Jahrhundert. Kontrollen und Schleusung gibt es hier nicht, das Gedränge ist wieder brutal. Von der alten Hanuman -Skulptur bekomme ich lediglich einen Berg Blüten zu sehen. Einen schönen ruhigen Besuch habe ich hingegen am nächsten Morgen im Tempel Kanak Bhawan (Goldener Palast), einem palastartigen Bau aus dem 19. Jahrhundert, der der Legende nach auf den Palast von Lord Hanuman und Sita zurückgehen soll. Den Zugang zum traditionellen Shri Rajdwar Mandir, ebenfalls Rama geweiht, entdecke ich eher zufällig und bin dort fast allein.

An vielen Tagen sollen bis zu 100.000 Menschen, insbesondere Rama- und Hanuman-Verehrer nach Ayodhya kommen. Trotzdem bin ich scheinbar der einzige Mensch in der Stadt der nicht aus Indien stammt. Die vergangenen Tage in Maghar, Kushinagar und Ayodhya waren gut und bereichernd. Vielleicht habe ich mich inzwischen, soweit das für uns möglich ist, an Nordindien gewöhnt. Trotzdem freue ich mich auf Nepal: Morgen möchte ich über die Grenze.