Muxia 2022

Tage 18 und 19 in Indien: Prayagraj

Prayagraj, bis 2018 Allahabad, 1,2 Millionen Einwohner, 130 Kilometer westlich von Varanasi. Und nach Varanasi die zweitwichtigste Pilgerstadt im Hinduismus. Diesen Status verdankt die Stadt ihrer Lage am Triveni Sangam: Dem Zusammenfluss der beiden heiligsten Flüsse Indiens, dem Ganges sowie der Yamuna, die in über 6000 Meter Höhe im Himalaya entspringt und als „Zwilling“ 1400 Kilometer parallel zum Ganges fließt, bevor sie hier in den großen Bruder mündet. Sowie dem mystischen unterirdischen Fluss Sarasvati. Entsprechenden Stellenwert hat ein Bad am Zusammenfluss, dem Sangam, für die Pilger.

Alle zwölf Jahre findet hier die 55-tägige Kumbh Mela statt, größtes religiöses Fest der Welt. Zuletzt 2019 kamen an den Spitzentagen etwa 50 Millionen Menschen. Und jährlich, im Januar/Februar, deren kleine Schwester, die 44-tägige Magh Mela. Wie ich hinterher lese, kamen auch zur Magh Mela 2026 kumuliert etwa 220 Millionen Menschen an die Flüsse. Die Pilger campieren in der Ebene des Ganges, der jetzt am Ende des Winters Niedrigwasser führt. Umgeben und durchzogen von einer bunten Zeltstadt aus Marktständen.

Mein erster voller Tag in Prayagraj fällt auf den letzten Tag der Magh Mela. Ich hoffe die Atmosphäre des Festes ohne die ganz großen Massen zu erleben. Die knapp fünf Kilometer aus der Altstadt zum Sangam will ich zu Fuß gehen. Obwohl diese Fortbewegungsart in Indien ungewöhnlich ist, erfasst mich auf den letzten beiden Kilometern ein anschwellender Strom von Menschen: Alle nochmal zum Sangam und zum rituellen Bad.

Nach einiger Zeit am Sangam, folge ich spontan der Aufforderung, in einen der vielen geruderten Kähne zu steigen, die die Pilger in die Mitte der Flüsse bringen. Da mich der Kahn auf dem heiligen Fluss trägt, muss ich darin, wie in jedem Tempel, meine Schuhe ausziehen. Am Zusammenfluss werden die Kähne miteinander vertaut und ich werde davon überrascht, dass es Zweck der Fahrt ist, hier das Boot kurz zu verlassen. So wie es die anderen Pilger im Kahn überrascht, dass ich von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch mache.

Später, beim Versuch das Gelände zu verlassen, gerate ich wieder in kanalisierte Pilger und so über einen temporären Zugang in den alten Hanuman Tempel. Die Gottheit in Affengestalt wird hier, ungewöhnlich, liegend dargestellt. Und liegt so tief, dass sie bei Hochwasser vom Ganges überschwemmt wird. Daher gilt sie als besonders verehrungswürdig. Der dahinter liegende, neue mehrstöckige Adi Shankaracharya Tempel ist dem großen Lehrer der Non-Dualität („Tat Tvam Asi“) gewidmet. Und direkt an der Yamuna liegt Mankameshwar, der alte Shiva-Tempel. Selbst am Abend unglaublich überlaufen.

Am zweiten Tag in Prayagraj steife ich durch den Bezirk vor der Altstadt und erlebe ein etwas moderneres Indien. Vor dem Sonnenuntergang lasse ich mich mit dem Bike aber nochmal zum Sangam rausfahren. Es ist deutlich ruhiger als gestern. Soweit in diesem Land von Ruhe die Rede sein kann: Zurück am Homestay informiert mich ein Willkommensschild darüber, dass der Geburtstag im zweiten Stock gefeiert wird. Ohrenbetäubender Lärm füllt das Haus bis weit nach Mitternacht. An Schlaf ist auch bei mir im ersten Stock nicht zu denken. Ich wünsche der kleinen Saranya alles Gute. Und dass sie die Feier ihres zweiten Geburtstags nicht miterleben musste.

Von der Yamuna habe ich mich verabschiedet. Der Ganges soll weiterhin an meiner Route liegen. Zunächst aber will ich morgen weiter nach Norden. Schon Richtung Nepal.