Mit der Bahn reise ich weiter in die heilige Stadt am Ganges und so von Bihar in den Bundesstaat Uttar Pradesh. Eine Stadt der Superlative: Mit etwa 3200 Jahren ist Varanasi einer der am längsten durchgängig besiedelten Orte der Welt. Mit ca. 1,8 Millionen Menschen ist es nur die fünft größte Stadt in Uttar Pradesh, aber eine der bevölkerungsdichtesten Großstädte der Welt. Insbesondere aber ist Varanasi heiligste Stadt im Hinduismus und hat für viele Hindus eine einzigartige Stellung: Varanasi gilt als Wohnort Shivas der dort besonders präsent sein soll. Der Ganges wird als Göttin, Mutter Ganga, verehrt. Stundenlang laufe ich entlang der Ghats und durch die Straßen und Gassen der Altstadt und versuche zu sehen was ist sehe.
Herzstück der Stadt sind die Ghats, Uferstufen und Plattformen die zum heiligen Fluss führen. Kilometerlang ziehen sie sich dem Ganges entlang. Ort für Rituale, heilige Bäder, Kremierungen. Sadus, Asketen, eine Unmenge von Pilgern aus ganz Indien und Asien. Dazwischen einzelne Suchende und Touristen aus dem Westen. Und viele Einheimische die auf die unterschiedlichste Art dafür sorgen wollen, dass all die Besucher auch etwas Geld da lassen.
In Varanasi zu sterben, dort am Ganges verbrannt und als Asche dem Fluß übergeben zu werden, gilt im Hinduismus als Möglichkeit den Kreislauf der Wiedergeburten zu verlassen. Die Feuer brennen an zwei Ghats Tag und Nacht. Den Ritualen ausführlich zu folgen macht sprachlos. Fotografieren ist grenzwertig. Gleichzeitig wirkt alles offen und alltäglich: Am Harishchandra Ghat lassen lachende Kinder neben den Feuern einen Drachen steigen. Die Blechwände am Manikarnika Ghat sollen offenbar nicht die Verbrennungen sondern die daneben liegenden Baustellen abschirmen. Der Tod wird als normaler Teil des Lebens betrachtet und nicht als Ende sondern als Übergang verstanden.
Arati, die Lichtzeremonie, normalerweise zu Ehren und am Altar einer bestimmten Gottheit, gibt es in Varanasi zu Ehren Mutter Ganga im ganz großen Stil an mehreren Ghats bei Sonnenaufgang und am Abend. An ein Durchkommen ist dann dort nicht mehr zu denken.
Hinter den Ghats liegt die Altstadt, durchzogen von überfüllten Straßen und engsten Gassen. Manchmal geht darin selbst für Fußgänger nichts mehr. Irgendwie komme ich immer wieder raus.
Natürlich ist eine heilige Stadt gesättigt mit Tempeln und Schreinen (und eine Kirche, St. Thomas, entdecke ich, aber die ist geschlossen). Der wichtigste Tempel ist der 230 Jahre alte, goldene Kashi Vishwanath Tempel. Als Shiva-Tempel in der Stadt Shivas zumindest für Shiva-Anhänger der wichtigste Tempel überhaupt. Ein weitläufiger moderner „Korridor“ um den Tempel kanalisiert die Massen. Nach erheblichem bürokratischem Aufwand, Entrichtung einer Gebühr und Sicherheitskontrollen die dem Flughafen Frankfurt Ehre gemacht hätten, komme ich, geführt mit einer kleinen Gruppe, bis ins Innere und benötige so nur ein bis zwei Stunden um einen kurzen Blick auf den Lingam werfen zu können. Der normale Pilger investiert dafür einen halben Tag anstehen.
iIn der Hierarchie danach kommen der Annapurna Devi und der Kal Bhairav Tempel. Während der, der Frau und Versorgerin Shivas gewidmete Tempel im Inneren überraschend weitläufig und farbenfroh ist, ist der, dem zerstörerischen Aspekt Shivas gewidmete, dunkel und tatsächlich furchteinflösend eng. Das Drängen der Massen durch die engen Gassen, die Zugang gewähren, ist vor beiden Tempeln gleich. Rom im heiligen Jahr 2025 ( >> Franziskusweg) war, verglichen mit diesem ganz normalen Tag im Februar in Varanasi, Kindergeburtstag.
Der 120 Jahre alte, national symbolische Tulsi Mandas Mandir (Mutter Indien) beherbergt die größte Reliefkarte Indiens. Ich kann meine Route zwischen Ganges und Himalaya nachvollziehen. Die Alamgir Moschee steht auf den Grundmauern eines Vishnu-Tempels, den der Mogul-Herrscher vor 350 Jahren dafür abreißen ließ.
Bei aller Faszination ist es nach fünf Tagen Varanasi wahrlich genug. Ich will weiter, ca. 125 km westwärts, nach Prayagrei (Allahabad).















































































