Die Reise ist dicht: Nur ein Tag und eine sechsstündige Bahnfahrt trennen die 1000 Jahre alten hinduistischen Tempel in Orchha von den über 2000 Jahre alten buddhistischen Heiligtümern in Sanchi. Zunächst geht es nach Vidisha, einer Nachbarstadt der Metropole Bhopal, die 1984 mit einem Giftgasunfall mit mehreren tausend Toten schreckliche Berühmtheit erlangt hat. Im zentralen Indien, 575 Kilometer südlich von Delhi, ist es voraussichtlich der südlichste Punkt meiner Reise. Ein TukTuk bringt mich zehn Kilometer weiter nach Sanchi. Bereits die Eindrücke dieser kurzen Fahrt würden für einen Reisetag genügen. Im Gedränge der Menschen auf der Straße vor einem Tempel geht es nur in Schrittgeschwindigkeit weiter. Wie den Wartenden vor dem Tempel, wird auch mir im TukTuk ein Stück Petha, kandierter Aschekürbis, gereicht.
Warum Kaiser Ashoka, glühender Buddha Verehrer, um das Jahr 250 vor Christus die Heiligtümer ausgerechnet hier, einem Platz der mit dem Leben des historischen Buddha nichts zu tun hat, bauen ließ ist nicht bekannt. Aber die Lage auf einem Hügel über dem weiten, flachen Land ist sehr schön. Da im Stupa No 2 Reliquien der ersten Schüler Buddhas gefunden wurden, ist davon auszugehen, dass sich in der großen Stupa No 1 Reliquien ihres Lehrers befinden. Die vier Tore zum Umgang dieses Stupa sind wunderschön gestaltet. Zwischen den drei größeren Stupas befinden sich weitere kleinere und eine Vielzahl Ruinen und Grundmauern von Tempeln und Klöstern aus den ersten Jahrhunderten vor und nach Christi Geburt. Nach dem Niedergang des Buddhismus in Indien im 12. Jahrhundert gerieten die Anlage, das Dorf und die Gegend in Vergessenheit. Und blieb so weitere fast tausend Jahre erstaunlich gut erhalten. Wieder ist die Ruhe und Gelassenheit der buddhistischen Heiligtümer zu spüren, eine andere Energie als in den mythisch aufgeladenen hinduistischen Tempeln.
Der Wirt im Restaurant/Imbiss gibt mir den Tipp, dass ich nicht nur Sanchi, sondern auch die nahen Udayagiri Caves besuchen sollte. Und behält Recht damit. Die etwa 20 kleinen Höhlen und Nischen wurden in der Zeit vom frühen 3. bis 5. Jahrhundert n. Chr. in den Fels eines Hügels geschlagen. Sie enthalten einige der ältesten erhaltenen hinduistischen Tempel und Bildwerke Indiens. Höhle No 5 ist berühmt für das monumentale Varaha-Relief: Vishnu erscheint in seiner Gestalt als Eber-Avatar Varaha, der die Erdgöttin aus der kosmischen Flut rettet. Der Tempel wurde im Jahr 401 geweiht. Der sitzende Ganesha vor Höhle No 6 gehört zu den frühesten bekannten Ganesha-Darstellungen überhaupt.
Zurück nach Vidisha gehe ich zu Fuß. Erst zwischen Getreidefeldern und dann durch die Straßen der Stadt. Viele Gottheiten, viele Göttergeburtstage: Auch das Gedränge vor dem Tempel am Vormittag wird erklärlich: Es ist der Vollmondtag des Hindumonats Chaitra. Hanuman Jayanti: Der „Affengott“ Hanuman wird gefeiert. Er steht für Loyalität, Entschlossenheit und Stärke. Stärke wird auch beim Umzug demonstriert. Und Lautstärke.















































