Muktinath: Sicher seit dem frühen Mittelalter, in seinen Ursprüngen vermutlich seit 2000 Jahren, Heiligtum und Pilgerziel sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus. Zentrum der Anlage, auf einem Felsvorsprung in knapp 3.800 Meter Höhe in Mustang, Himalaya, ist der Muktinath Vishnu Tempel, der auf das 9. bis 12. Jahrhundert zurückgeht, Teil der 108 Divya Desams, der heiligsten Vishnu-Tempel. Vor dem Tempel Mukti Kunda: Zwei rituelle Wasserbecken. Und seitlich und hinter dem Tempel Muktidhara: Die legendären 108 kuhmaulförmigen Wasserspeier mit eiskaltem Quellwasser. Hinduistische Gläubige tauchen in den Becken unter und laufen durch die 108 Wasserstrahlen um sich rituell zu reinigen, negatives Karma abzuwaschen und Moksha, Erlösung von der Wiedergeburt, zu erreichen. Daneben gibt es einen alten Shiva Tempel und den kleinen Bishnu Paduka Temple der symbolische Fußabdrücke Vishnus präsentiert. Und unter dem kleinen Schrein Patal Ganga liegt eine unterirdische Quelle, die in der Mythologie mit dem Ganges verbunden ist.
Am Haupttempel komme ich mit einem Polizist der Nepal Police ins Gespräch, der mit einem Kollegen in der Anlage für Ordnung sorgt. Zu seiner Dienststelle im Nachbardorf, sagt er lächelnd, gehören zehn Beamte. Er selbst macht jeden Tag, das ganze Jahr über, Dienst am Tempel. Und mag es. Zu seiner schicken blauen Uniform gehört eine dicke Daunenjacke. An manchen Tagen, sagt er, ist es richtig kalt. Während der Lichtzeremonie am Abend schlägt er laut und ausdauernd die große Glocke. Auch ich kann an der Zeremonie teilnehmen. Nach dem eigentlichen Arati gehört dazu drei Mal zeremoniell den Tempel zu umrunden. Barfuß auf 3.800 Meter Höhe. Es beginnt leicht zu schneien.
Ziel der buddhistischen Pilger sind drei tibetisch-buddhistische Tempel bzw. kleine Klöster. Im Jwala Mai Gompa wird seit dem 8. Jahrhundert die Verbindung der Elemente Feuer und Wasser verehrt: Auf einer Quellwasserfläche schwebt eine natürliche Gasflamme. Der heutige Tempel ist neu. Unter der zentralen Buddha Skulptur befindet sich ein kleines Gitter. Auf dem Boden kniend ist durch das Gitter eine kleine blaue Flamme erkennbar. Spontan erinnert mich der Aufbau an St. Idda in Fischingen, am Jakobsweg in der Schweiz, wo Pilger durch eine ähnliche Öffnung unter dem Alter den Reliquien der Heiligen nah sein können. Offenbar suchen Menschen Anlass zur Verehrung. Daneben gibt es das alte Kloster Samba Gompa, das zunächst wie eine urtümliche Landwirtschaft wirkt, aber einen wunderbaren uralten Tempel enthält. Und das neuere buddhistische Kloster Narsing Gomba.
Beim Abendessen plaudere ich mit einem 26-jahrigen Inder. Er kommt aus der abgelegenen Tee-Region Darjeeling im Bundesstaat West Bengal. Sein Dorf und das Tal, sagt er, liebt er. Trotzdem ist er weg gegangen um bei einer Fluggesellschaft zu arbeiten und “to live my life”. Muktinath ist für ihn nur Zwischenstation am Abstieg vom Thorong Phedi Base Camp. Auf rund 4.500 Meter Höhe sei es großartig gewesen. Aber schlafen konnte er vor Kälte nicht. Trotzdem läuft er drei Mal unter den 108 Wasserspeiern durch. Das kann nicht schaden.
Das kleine Dorf Ranipauwa, hundert Höhenmeter unter dem Heiligtum Muktinath, besteht eigentlich nur aus Übernachtungs- und Versorgungsmöglichkeiten mit allem was die Pilger und Besucher brauchen oder brauchen sollen. Shaligram-Steine werden angeboten: Fossilen von Meerestieren, die der Kali Gandaki River aus dem Himalaya herausspült. Und die im Hinduismus als natürliche Verkörperung Vishnus verehrt werden. Und ein paar weitere Tempel und Schreine gibt es im Umfeld noch zu entdecken. Heute beginnt es bereits mittags zu schneien. Die dicken Flocken kommen waagrecht. Mancher indische Besucher erlebt zum ersten Mal Schnee.
Nepal ist faszinierend, freundlich und hat es bisher gut mit mir gemeint. Deshalb beschließe ich mein Visa auszureizen und will ins spirituelle Zentrum: Kathmandu.














































