Muxia 2022

Pilgerweg nach Muktinath, Nepal: Tage 5 bis 9

Als Tag der (Knie-) Schmerzen ist der Abstieg von Ghorepani (2.870 Höhenmeter) nach Tatopani (1.190 Höhenmeter) in die Etappenplanung eingepreist. Durch zwei Klimazonen geht es auf Pisten und Natursteintreppen zunächst durch den Bergwald und dann durch die subtropische Zone mit kleinen Dörfern der Margar-Volksgruppe, deren Gemüsegärten und Felder. So ist es tatsächlich eine tolle, farbenfrohe Wanderung, bevor es im letzten steilen Abstieg zum Kali-Gandaki-River hinunter geht, dem ich bereits bei der Busfahrt nach Pokhara (Opfergaben von der Brücke) begegnet bin und der hier, bzw in seinem oberen Verlauf (dem ich die kommenden Tage folgen werde) die tiefste Bergschlucht der Erde bildet.

Auf 17 km Strecke beträgt der Abstieg insgesamt 1.910 Höhenmeter. Die Knie halten durch. Nur auf der weit gespannten Hängebrücke vor Tatopani werden sie etwas weich. In Tatopani warten zur Erholung die „Natural Hot Spring“. Da der Eintrittspreis für nepalesische Staatsangehörige nur ein Bruchteil beträgt, sitzen in den beiden Becken Einheimische, Biker aus England (die der Schlucht folgen), Trekker aus Australien und Kanada (unterwegs zum Annapurna Base Camp) und ein deutscher Pilger (nach Muktinath) beisammen. Die Biker trinken kühles Bier, die Trekker Wasser, der Pilger Coke. Die Einheimischen schauen dem Treiben der Gäste zu. Das Wasser der Quellen ist tatsächlich hot.

Open end folge ich der Schlucht des Kali-Gandaki River steil aufwärts. An der linken Steilwand klebt die Straße bzw Piste über dem Fluss. An der rechten Wand, noch höher, mein Trail. Trotzdem ist es wieder eine schöne Wanderung durch kleinste Dörfer. Noch im subtropischen Bereich, wachsen Bananen und Orangen in den Gärten. Und Gras. Erst im letzten Drittel muss auch ich auf die linke Seite wechseln: Rechts gibt es keine Dörfer mehr sondern nur noch senkrechte Felswände und Geländeabbrüche. Auf 2000 Meter Höhe, in Ghasa, einem früheren Kontrollpunkt der Handelsroute zwischen Indien und Tibet, erreiche ich das tibetisch geprägte Lower Mustang. Zum dritten Mal wird meine Permit kontrolliert und gestempelt. End wird das kleine Dorf Lete auf 2.500 Höhenmetern.

Die Schlucht verändert ihren Charakter: Sie wird flacher: Das Ziel der Tagesetappe, Marpha, liegt mit 2.670 Meter nur rund 200 Meter höher als der Ausgangspunkt (allerdings führt der Trek dazwischen auch über einen 400 Meter höheren Pass). Der Fluss führt jetzt im Frühjahr wenig Wasser, hat aber ein mehrere hundert Meter breites Kiesbett gebildet. Nach und nach erreiche ich das sog. tibetische Hochland im Wetterschatten des Himalaya. Tatsächlich ist es am Vormittag das erste Mal klar und die Gipfel der beidseitigen 7.000er liegen in der Sonne. Lang folge ich dem Flussbett, durch das auch ein stürmischer Wind von den Bergen ins Tal pfeift. Dann wieder in den Bergwald, der hier jedoch nicht aus Rhodhodendren und Orchideen, sondern aus Kiefern und Wacholder besteht. Statt Bananen und Citrusfrüchten gibt es nun Apfelplantagen. Da die Wegführung im Wald unklar ist, gerade ich in ein militärisches Trainingscamp. Alle Stellungen sind nach Nordost gerichtet: Die Grenze zu China bzw Tibet ist weniger als 100 km entfernt. Wieder werde ich ausführlich befragt, dann aber zum Tee eingeladen. Am Nachmittag bringt ein Gewitter erst Hagel, dann Regen.

Marpha gehört zu den Panch Gaun, den fünf historisch wichtigen Dörfern der Mustang-Region und liegt an der alten Handelsroute zwischen Tibet und Indien. Die Menschen gehören der Volksgruppe der Thakali an und pflegen eine Mischung aus tibetisch-buddhistischen und hinduistischen Traditionen. Der alte Ortskern ist geprägt von typischen niedrigen Natursteinhäusern mit flachen Lehmdächern, die wiederum mit Brennholzstapeln eingerahmt sind. Über dem Dorf liegt ein schönes, für Besucher offenes, tibetisch-buddhistisches Kloster. Marpha bezeichnet sich als „Dorf der Apfelgärten“. Apple pie und Apple Brandy wird offeriert. Zum Dessert gibt es heute Apfelküchlein.

Ab Marpha (2.670 HMR) folge ich weiter dem Flussbett des Kali Gandaki River. Mustang: Landschaft und Kultur sind faszinierend. Das Vorankommen ist schwierig weil hinter jeder Biegung ein neuer einzigartiger Blick wartet. Und einem der Talwind von den Gipfeln, pro zwei Schritten vorwärts, wieder einen Schritt zurück drückt. Immer wieder wird der Blick von der Nordwand des 7.061 Meter hohen Nilgiri North angezogen. Neben der erwarten Aussicht und der kleinen Stupa, stoße ich auf dem Kuthsab Hügel überraschend auf das jahrhundertealte tibetisch-buddhistische Ternga Nigmaw Monastery und kann es besuchen. Am Ziel in Kagbeni (2.850 HMR) führt mich und erklärt mir ein 17-jähriger Mönch des dortigen Klosters den 600 Jahre alten und den neuen Tempel. Am Fresko zum Rad des Samsara hält er mir einen langen Vortrag darüber in Nepal-Englisch. Im alten Tempel hängen die geheimnisvollen tibetischen Masken, die zu besonderen Festen getragen werden. Fotografieren darf ich nur im neuen Tempel. Abendessen und Übernachtung gibt es heute bei Yac Donalds.

Zwischen Kagbeni und Ranipauwa liegen heute die letzten 1.000 Höhenmeter meines Weges. Vom Tal des Kali Gandaki River geht es in die Schlucht des Jhong Kola. Das Hochland und die umliegenden Gipfel können nur mit Superlative beschrieben werden. Im kleinen Dorf Jharkot gibt es nochmal ein tibetisch-buddhistisches Kloster. Auch hier wird mir der Tempel („five or six hundred years old“) geöffnet.

Ranipauwa ist das letzte kleine Dorf mit Übernachtungsmöglichkeiten vor Muktinath. Von hier aus führt nur noch eine lange Treppe (nochmal über 100 Höhenmeter) zum Heiligtum mit seinen Tempeln. Mein Ziel, meinen Pilgertraum Muktinath im Himalaya, habe ich damit am frühen Nachmittag tatsächlich erreicht.

Neun Tage durfte ich die 148 km von Pokhara/Birethanti nach Muktinath, am Annapurna Massiv und im Lower Mustang, gehen. Bzw. auf- und absteigen: Für die knapp 2.800 Höhenmeter zwischen Start und Ziel hat mich meine Route 8.175 Meter auf- und 5.430 Meter absteigen lassen. Jeder Tag, manchmal auch halber Tag, hatte seinen eigenen faszinierenden Charakter. 1 1/2 Tage möchte ich nun in Muktinath verbringen und die Tempel und die Rituale der buddhistischen und hinduistischen Pilger und Sadus auf mich wirken lassen.