Muxia 2022

Pilgerweg nach Muktinath, Nepal: Tage 1 bis 4

Aus dem Buch „Pilgern – Wege der Stille“ (Dieter Glokowski) ist mir der Pilgerweg zum Klosterheiligtum Muktinath seit Jahren als „einer der bedeutendsten Pilgerpfade der Welt“ bekannt und zu einem kleinen Pilgertraum geworden. Das Buch beschäftigt sich in erster Linie mit dem spirituellen und kulturellen Aspekten. Ob und wie ich den Weg im Annapurna Massiv und Lower Mustang im Himalaya tatsächlich praktisch bewältigen kann, bespreche ich mit hilfsbereiten Locals in Pokhara. Wie sich herausstellt ist der uralte Pilgerweg auf weiten Teilen identisch mit dem südwestlichen neuen Annapurna Circuit Trek. Pokhara liegt auf 800 Höhenmeter, Muktinath auf 3.800. Dazwischen liegen jedoch mehrere Pässe und die spektakuläre, tiefe Schlucht des Kali Gandaki Flusses. Etwa zehn Tage sind realistisch.

Ein Fahrer bringt mich zum Trekking Start Point und Check Post Birethanti. Die Permit wird kontrolliert und abgestempelt. Dann kann es los gehen. Auf einer Distanz von 15 km steige ich von 1.020 auf 2.110 Höhenmeter hoch zum ersten Etappenort Ghandruk. Noch bewege ich mich in einem landwirtschaftlich geprägten grünen Bereich. Euphorbia, unsere „Weihnachtssterne“, stehen als Bäume und Büsche in roter und gelber Blüte. Ich komme durch kleinste Dörfer. Die Einwohner, überwiegend der Volksgruppe der Gurung zugehörig, beginnen die steil angeordneten, terrassenförmigen Felder zu bestellen. Im Winter haben die Büffel im Dorf für Mist gesorgt. Nun wird der Mist im Korb auf dem Rücken zu den Feldern getragen. Auf jede Terrasse wird ein Korb Mist ausgebracht. Es sind viele Terrassen. Nach dem Startpunkt sitzen plötzlich wieder einige Affen am Weg. Kurz prüfe ich wie meine Bananen verstaut sind. Knapp 1000 Meter höher, sehe ich erstmals Himalaya-Languren mit ihren weißen Krägen in den Bäumen. Diese sind deutlich größer als die anderen Affen, aber scheu.

Ghandruk ist ein typisches (und als solches bekanntes) Dorf der Gurung (Gurkhas…). Die niedrigen Steinhäuser mit Schieferdach und oft Lehm verputzt, scheinen am Steilhang zu kleben. Zwischen den ersten und den letzten Häusern des Dorfes liegen ca. 200 Höhenmeter. Straßen gibt es im Ortskern nicht, kaum Wege, die Häuser sind stattdessen durch steile Natursteintreppen verbunden. Die hier vorherrschenden Religionen sind mit einem kleinen tibetisch buddhistischem Kloster und einem kleinen Shiva Tempel präsent.

Am nächsten Morgen steige ich sonnig zunächst auf steilen Treppen zum 2.300 Meter hoch gelegenen Tempel auf, der der Gurung Gottheit Meshram Barah gewidmet ist. Dann geht es zunächst wieder abwärts, bevor mein Weg auf 9 Kilometer kontinuierlich zum Etappenziel Tadapani auf 2.700 HMR aufsteigt. Ab deutlich über 2.000 Meter wandere ich durch den wunderschönen „montanen Himalaya-Bergwald“: Rhododendren sind hier mächtige Bäume und blühen in den Baumkronen knallrot. An den bemosten Stämmen blühen Orchideen. Dazwischen stehen große Farne. Zwischen den Bäumen zeigt sich kurz ein Tier das mir wie ein kleiner Bär erscheint. Tatsächlich ist es ein Himalaya-Gelbkehlmarder. Tadapani, das mit Fahrzeugen nicht mehr erreicht werden kann, ist nicht mehr als ein kleiner Etappenort. Auch heute machen die Wolken den Blick auf den, genau gegenüber liegenden, 7.000 Meter hohen, „Fishtail Mountain“ zunichte. Aber auch hier ist es freundlich.

Am Morgen hat sich der Bergwald in einen mystischen Nebelwald verwandelt. Es geht weiter steil bergauf. Die Luft ist gefüllt mit Feuchtigkeit und dem Duft der Nepalesischen Papierpflanze. Und wird langsam dünner: Nach zwei Stunden sind 3.000 Höhenmeter erreicht. Ab etwa 3.200 Meter endet der Wald abrupt. Die steilen Hänge sind mit goldgelben Gras bewachsen. Dazwischen Rhododendren, die nun keine Bäume sondern nur noch Büsche sind. Und zunehmend kleinblättriger Bambus. Der Bambus nährt den Roten Panda. Der aber ist wohl dämmerungsaktiv und lässt sich nicht blicken. Auch die Schneereste nehmen zu. Im Bach gluckert das Wasser unter einer Eisplatte. Nach gerade acht Kilometer ist das Etappenziel Dobato, eigentlich nur drei einfache Lodges, auf 3.426 Meter erreicht. Nach einer Suppe steige ich noch zum Mulde View Point auf 3.637 Höhenmeter auf. Die Hoffnung, über die Wolken zu kommen und endlich die umliegenden 7 und 8000er zu sehen, erfüllt sich nicht: Die kleine Gebetsmühle, die den höchsten Punkt markiert, liegt in dichtem Nebel. Die Nacht über 3.400 HMR wird lausig kalt.

Zum Sonnenaufgang nochmal zum Mulde View Point aufzusteigen hat auch heute keinen Sinn. Beim Nepali traditional Breakfast jedoch wird es etwas heller, Lücken reißen in die Wolken und geben kurz den Blick auf die Spitze des 7.219 Meter hohen Annapurna South frei. Und schließen sich genauso schnell wieder. Das Tagesziel Ghorepani liegt mit 2.870 Meter deutlich tiefer als Dobato. Dazwischen liegen mehrere Pässe, so dass es am Ende des Tages ein Abstieg von über 1.100 Meter wird. Zunächst aber geht es nochmal auf 3.600 HMR hoch. Dann überwiegend auf einem schönen Kammweg weiter. Nebel und Niesel gehen fließend ineinander über. Pünktlich unter 3.200 Meter beginnt wieder der blühende Bergwald. Während ich bisher eher abseits unterwegs war, stoße ich in Ghorepani auf den Annapurna-Circuit, „eine der berühmtesten Trekkingrouten der Welt“. Dessen südwestlichen Teil will ich in den kommenden Tagen bis Muktinath folgen.