Muxia 2022

Kathmandu: Die ersten drei Tage

Kathmandu, Hauptstadt und politisches, kulturelles und spirituelles Zentrum Nepals. Einst drei konkurrierende Königsstädte, heute ein Großraum mit drei zusammen gewachsenen Städten und zwei bis drei Millionen Einwohnern. Die große Mehrheit der Menschen sind Hindus. Aber historisch sind Hinduismus und Buddhismus hier miteinander verflochten und insbesondere seit der Besetzung Tibets prägen der tibetische Buddhismus und Exil-Tibeter das Stadtbild mit.

Spirituelles Zentrum des tibetischen Buddhismus ist der Boudhanath Stupa, größter Stupa Nepals und einer der größten der Welt. Zurückgehend auf das sechste Jahrhundert und seit 1979 UNESCO-Weltkulturerbe. Ständig umrunden hunderte Mönche, Pilger und Besucher im Uhrzeigersinn den Stupa, beten, meditieren, rezidieren Mantras, drehen Gebetsmühlen, schauen oder plaudern. Ich reihe mich ein.

Das eigentliche (hinduistische) spirituelle Herz Kathmandus und Nepals aber ist Pashupatinath. In der Mythologie das legendäre Flusstal in dem Shiva mit seiner Frau Göttin Parvati in Gestalt von Gazellen lebten und deshalb per se heilig. Belegt seit 400 n. Chr. Eine weitläufige, über Jahrhunderte gewachsene Tempelanlage zieht sich über einen Hügel und entlang dem Fluss Bagmati. Ebenfalls Weltkulturerbe. Die beiden größten Tempel sind mir als nicht-Hindu nicht zugänglich. Darüber hinaus verbringe ich den Tag zwischen und in den weiteren Tempeln, erlebe Zeremonien, Rituale und Kremierungen, Sadus, Pilger und Besucher, Affen und Kühe. Am Hanuman Tempel holen sich die Affen was von den Opfergaben fressbar scheint. Manche Gläubige geben es ihnen direkt in die Hand: Mandarinen stehen hoch im Kurs. Der große Bishwasworup Tempel kann seit dem Erdbeben von 2015 nicht mehr betreten werden. Der kleine Parvati Tempel aus dem 17. Jahrhundert ist mit Schnitzereien aus dem Kamasutra verziert. Nach einer langen Dürre wurde Parvati dort regelmäßig mit Tieropfern gnädig gestimmt. Darüber thront der Shiva Haupttempel. Seine Dächer sind vergoldete Kupferplatten, Tore und Fassaden sind aus Silber. Dazwischen stehen unzählige (manche zählen 108) kleinere Tempel und Schreine.

Im Kontext mit Pashupatinath gilt der Bagmati Fluss als heilig. Dort zu sterben, dem Feuer und dem Fluss übergeben zu werden, gilt gläubigen Hindus, ähnlich wie am Ganges in Varanasi, als sichere Möglichkeit den Kreislauf der Wiedergeburten zu durchbrechen oder wenigstens als Mensch wiedergeboren zu werden. Viele alte Gebäude zwischen den Tempeln von Pashupatinath sind einfache Hospize: Die Menschen kommen zum Sterben. Das Weitere findet ganz offen am Fuß der Tempel zwischen den Pilgern und Besuchern statt: Unter orangen Tüchern wird der Verstorbene auf einer Blechbahre zu den Arya Ghats gebracht. Auf einer Steinrampe direkt am Fluss werden die Tücher geöffnet und Füße und Gesicht mit dem Wasser des Bagmati rituell gereinigt. Auf der traditionellen Bambusbahre wird der Körper dann unter neuen Tüchern zu den Verbrennungsplätzen an den Surya Ghats auf der anderen Seite der Brücke getragen. Mit einem Ghee-getränkten Strohbüschel wird der Scheiterhaufen, nach fünfmaliger Umrundung, am Kopfende entzündet. Die Verbrennung dauert etwa drei Stunden. Was übrig bleibt wird direkt dem Fluss übergeben. In Pashupatinath brennen die Feuer täglich von morgens bis abends. Die letzte Leiche wird noch gereinigt während hunderte Menschen darauf warten dass am gegenüber liegenden Ufer das Arati beginnt. Kleinkinder unter sechs Monaten werden nicht verbrennt sondern begraben. Genauso wie heilige Männer (und Frauen), denn diese gehen direkt in das Nirvana über.

Zwei der größten und wichtigsten Exil-tibetischen Klöster sind Kapan und Shechen mit jeweils über 400 Mönchen. Während in Kapan die Wege von Mönchen und Besuchern getrennt sind, kann ich im Shechen Monastery verschiedene Zeremonien miterleben. Bei Sonnenschein wandere ich zum Kapan Monastery, das auf einem Hügel außerhalb liegt. Dort überrascht mich ein Gewitter. Da der Regen kein Ende nimmt, bitte ich den Mönch an der Pforte mir zu helfen ein Taxi zu organisieren. Aus unerfindlichen Gründen funktioniert das nicht. Schließlich erklärt der Mönch mich selbst fahren zu wollen, reicht mir einen Regenschirm und verweist auf seinen Motorroller. Er mit Wetterjacke über der Robe, Helm und Handschuhen, ich im Hemd mit Regenschirm als Sozius hinter ihm: Eine denkwürdige Fahrt durch die Rush Hour Kathmandus. Und hoffentlich gut für sein Karma!

Um meine Ziele zu erreichen wandere ich stundenlang durch die Stadt. Nicht unbedingt die Fortbewegungsart, die Reisenden in Kathmandu empfohlen wird. Aber meine Art um die Stadt auch jenseits von Weltkulturerbestätten erleben.